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Bernhard Kathan
Die Alpine Sinnesmaschine Das Gebirge kann man vielleicht nur liegend begreifen. Eine der zentralen Gesten des Berggehers ist der Blick in die Ferne. In dieser Geste werden Gipfel und wolkenlose Himmel betont. Dieser Blick will vor allem schweifen. Würde dieser Blick in die Ferne fehlen, so wäre das Bergerlebnis getrübt. Durch die Alpine Sinnesmaschine wird diese Geste grundlegend auf den Kopf gestellt. Der Berggeher liegt, und das auf seinem Rücken. Im alpinen Gelände sucht man Halt mit Füßen, Händen und Knien, bestenfalls wird der Bauch (möglicherweise aus Angst) gegen Felsen und Steine gedrückt. Spürt der Rücken sonst die Last des Rucksacks, so nun die Schwere des eigenen Körpers. Selten legen wir uns im Gebirge auf den Rücken. [Daß ich immer noch rauche, hat auch mit einem Bild zu tun. Che Guevara liegt während des Guerillakampfes Zigarren rauchend im Gebirge.] Liegend geben wir Halt auf. Eingefügt in die Alpine
Sinnesmaschine blicken wir zwar auch in die Ferne, aber das Sehfeld ist in
extremer Weise eingeengt und festgelegt. Nicht länger blicken wir hinunter,
sondern hinauf an den Himmel, der strahlend blau, grau oder schwarz sein
mag. Der Blick ist nicht länger mobil, nicht länger kann er schweifen! Es
ist der Blick wie in einen Monitor, nur mit einer extremen Verzögerung der
Zeit. Wer nachts dieses Feld längere Zeit betrachtet, wird plötzlich die
Bewegung der Sterne [natürlich die Bewegung der Erde um die eigene Achse]
wahrnehmen. Wer sich auf dieses Bett legt [alle Erinnerungen an eine
Guillotine sind mitgedacht], den Kopf in den Sehturm steckt, vermag das
reale Umfeld nicht länger zu kontrollieren. Um den drohenden
Kontrollverlust, der mit dem Liegen ebenso wie mit der Einengung des
Sehfeldes verknüpft ist, erträglich zu machen, empfiehlt es sich, die Alpine
Sinnesmaschine an einem Ort aufzustellen, von dem aus das Gelände im
gesamten Umkreis überblickt werden kann.
Bevor sich der Berggeher hinlegt und seinen Kopf in die Röhre steckt, sollte
er sicher sein, nicht unerwartet überrascht zu werden. Wer den Kopf in diese
Röhre steckt, gibt für kurze Zeit nicht nur seine visuelle Kontrolle auf,
seine akustische Kontrolle ist fast ebenso eingeschränkt. Mit Hilfe von
Dämmaterial sind die Wände des Sehturmes, der aus Platten zusammengesetzt
ist, schallisoliert. Hörbar sind also Geräusche, die von oben an das Ohr
dringen, oder aber Geräusche, die erst in dieser Stille hörbar sind
[Körpergeräusche wie das Pulsieren des Blutes in den Ohren, die Geräusche
der Gedanken und so weiter]. Durch diese Anordnung wird ein intensives
Sinneserlebnis angestrebt. Das Objekt, dessen Bestandteile grundlegend funktional sind, fügt sich als fremdes Objekt "schön" in die Gebirgslandschaft. Die komplementären Entsprechungen: Klare Linien in einer amorphen Oberflächenstruktur; das Oben und Unten der Gebirgslandschaft übersetzt in die exakte Bestimmung der Horizontalen wie der Vertikalen; natürlichen Materialien wie Steinen, Flechten oder Gräsern werden Industrieprodukte wie ein Kunststoffüberzug entgegengesetzt; den gebrochenen Farben des Gebirges das klare Rot und Braun der synthetischen Farbe. Innere Erfahrung und äußere Schönheit. Technische Daten: Höhe: 4m; Grundriß des Sehturmes: 68 x 68cm; seine Innenmaße: 50 x 50cm; Länge der Liege: 2m; Öffnung: 35 x 35cm; Material: witterungsbeständige Mehrschichtplatten, Dämmwolle, Torbandschrauben, Gewindestangen, Schaumstoff, Gummiüberzug; Farbe des Sehturmes: dunkelbraun, leicht ins rot übergehend; Farbe der Liege: leuchtendes, kräftiges Rot.
Das HIDDEN MUSEUM zeigt das Modell der Alpinen Sinnesmaschine vom 1. 8. - 31. 8. 1999. Öffnungszeiten sind keine anzugeben. |