Zahllose Völkerkundler inventarisierten um 1900 Jahrhundert die seltsamsten
menschlichen Bräuche. Sie beschrieben Männer, die sich ins Wochenbett legen,
Eingeborene, die sich auf diese oder jene Weise verstümmeln, Feste, die
gefeiert werden, um den Großteil all dessen zu vernichten, was im Laufe
eines Jahres angehäuft wurde.
Mit Ethnologie im heutigen Sinn hatte das alles wenig gemeinsam. Zumeist war
es nichts anderes als ein blindwütiges Zusammentragen. Die meisten der
damaligen Völkerkundler sammelten auch Tiertrophäen. Ironischerweise fällt
die Blütezeit der Ethnologie in eine Zeit, als all diese Kulturen bereits
durch Kontakte mit Europäern verdorben oder am Verschwinden waren. Und
hoffte einer im tiefsten Urwald noch eine unberührte, jungfräuliche Kultur
zu entdecken, dann musste er die Erfahrung machen, selbst hier über
weggeworfene Konservenbüchsen zu stolpern. Fortan dachten Ethnologen in
sozialen Geflechten, hinter die einzelne Verhaltensauffälligkeiten
zurücktraten. Fortan wollte man um die Bedeutung wissen, legte sich ein Mann
ins Wochenbett.
Sie haben sich lange mit dem Park beschäftigt, mit dem Aufwachsen der
Zuchtmütter, vor allem mit dem Initiationsritus. Für einen Ethnologen muss
das ein geradezu ideales Feld sein, eine überschaubare Welt mit eigenen und
für Außenstehende fremd wirkenden Regeln, fast so etwas wie eine unberührte
Kultur in der frühen Ethnologie. Dass sich diese der Technik verdankt,
erscheint mir von nebensächlicher Bedeutung.
Während meines Studiums dachte ich manchmal an Moreaus Insel. Hätte es sie
gegeben, so eine kleine Welt mit ihren künstlich geschaffenen Mischwesen
hätte ich gerne untersucht, etwa die von Wells angedeuteten religiösen
Praktiken. Aber ich wusste bereits damals, dass es ergiebiger wäre, Wells'
Arbeitszimmer ethnographisch zu untersuchen, die Wells'sche Ideenwerkstatt
mit all ihren Affären und Banalitäten. Im Gegensatz zu Moreaus Insel
existiert der Park. Er funktioniert, er ist sehr real.
Sie haben sich vor allem mit Fragen des Brautpreises beschäftigt. Das hört
sich recht eigenartig an, kennt der Park doch nur Menschen weiblichen
Geschlechts. Darin wachsen Mädchen zu Frauen in heiratsfähigem Alter heran,
aber es findet sich kein Bräutigam. Gibt es keine Hochzeit, dann macht der
Brautpreis keinen Sinn.
Auf den ersten Blick mag dies zutreffen. Bei genauerem Hinsehen lassen sich
viele Elemente des Brautkaufs entdecken wie wir sie durch das Studium
archaischer oder traditioneller Kulturen kennen. Unschwer lässt sich der
Initiationsritus als Vermählungsakt betrachten. Man muss vom Vordergründigen
absehen. Ob Rinder, Schweine, Muscheln oder Federgeld als Brautpreis gelten,
ist von untergeordneter Bedeutung. Entscheidend ist, was dem Brautkauf trotz
der vielen Unterschiede gemeinsam ist. Die modernen Gesellschaften mit ihrem
extrem ausgeprägten Individualismus sehen in all diesen Bräuchen eine
Verdinglichung, eine Herabwürdigung der Frau zu einem käuflichen Objekt.
Tatsächlich haben wir es nicht mit einem Kaufakt zu tun wie wir ihn aus der
heutigen Geldwirtschaft kennen. Ich möchte Ihnen dies anhand eines Beispiels
erklären. Auf den Salomonen wurde Federgeld, welches aus Tausenden kleinster
roter Federchen auf der Hauptinsel Ndende hergestellt wurde, als Brautpreis
verwendet. Einige Kilometer vor Ndende liegen Koralleninseln, deren
Bevölkerung Seehandelt betrieb. Nun, Kanus können kentern, Seeleute kann es
verschlagen. Deshalb lebten stets mehr Frauen als Männer auf diesen Inseln.
Durch Heirat wechselten viele der Frauen auf die Hauptinsel. In einer
einfachen Lesart wurden sie gekauft. Die Sache ist jedoch komplizierter. Mit
dem Federgeld, welches als Brautpreis eingebracht wurde, kauften sich die
Bewohner der Riffinseln Holzstämme, welche nur auf der Hauptinsel wuchsen
und die sie zum Bau ihrer Kanus benötigten. So kehrte das Federgeld wieder
auf die Hauptinsel zurück, besser gesagt, es zirkulierte zwischen den
Inseln. Nun könnte man sich die Frage stellen, warum nicht einfach
heiratsfähige Frauen gegen Holzstämme getauscht wurden. Das hätte nicht
funktioniert. Eine Frau ist eben keine Gebrauchsgegenstand. Holzstämme
lassen sich verarbeiten, verbrauchen. Frauen nicht. Wir haben es also nicht
mit einem Kauf im eigentlichen Sinn, sondern mit einem symbolischen Tausch
zu tun. Dass sich mit dem Federgeld auch Baumstämme kaufen ließen, steht
dazu in keinem Widerspruch. Übrigens stieg das Prestige des Bräutigams, je
mehr seine Familie als Brautpreis bezahlte, was in einem vollkommenen
Widerspruch zur Geldwirtschaft steht. Wichtig auch, der Brautpreis war keine
Angelegenheit zwischen zwei Personen, sondern zwischen zwei Clans, letztlich
der Öffentlichkeit, fanden doch die Verhandlungen wie die Übergabe unter
reger Beteiligung des Dorfes statt. Und dann muss man sich fragen, was wurde
durch den Brautpreis abgegolten. Die Frau? Nein. In patrilinear
organisierten Gesellschaften musste der Clan einer Frau bei der Ehe auf die
Rechte am Nachwuchs verzichten. Der Brautpreis galt diesen Verzicht. Deshalb
ließen sich die Kinder dem väterlichen Clan zuordnen. Der Brautpreis machte
deutlich, dass die Frau, wechselte sie durch die Hochzeit von ihrem Clan zu
einem anderen, fortan mit ihrer Fruchtbarkeit zum Clan ihres Mannes gehörte.
Was sollen polynesische Hochzeitsriten, die längst ihre Gültigkeit verloren
haben, mit REPRO TECH II, mit dem Park zu tun haben?
Mehr als Sie denken. Auf den ersten Blick bildet der Park so etwas wie eine
Insel, die nahezu aus sich selbst funktioniert, sich in einem gewissen Sinn
selbst reproduziert.
Aber da wird doch viel eingespeist, Energie, Nahrung, Wasser, Gebäude, vor
allem Mädchen.
Freilich kennt der Park keine Getreidefelder, es gibt kein
Elektrizitätswerk. In einer einfachen Lesart ließe sich der Park mit einem
Acker vergleichen, den man im Frühjahr ackert, eggt, düngt, sät, um später
die Ernte einzufahren. Diese Vorstellung ist genauso irrig wie die
Gleichsetzung des Brautpreises mit einem Kaufakt. Der Park kennt zwar weder
Clans, noch familiäre Bindungen, aber ähnliche Strukturen finden sich auch
hier. Statt mit zwei Clans haben wir es mit den beiden Polen A und B zu tun.
A bezeichnet den Komplex, B den Park. Mögen die beiden Bereiche auch nahezu
hermetisch voneinander geschieden sein, so besteht doch eine enge
Wechselwirkung zwischen ihnen. Der Park gibt Mädchen, die eben die
Geschlechtsreife erreicht haben, an den Komplex ab. Diese gehören fortan mit
ihrer Fruchtbarkeit dem Komplex an. Gibt der Park Mädchen ab, dann kommt
dies einem Opfer gleich, welches nötig ist, den Park am Leben zu erhalten.
Die Heizung soll funktionieren, das Essen nicht ausgehen, vor allem darf der
Strom der Mädchen, die eingespeist werden, nie versiegen. Der Komplex ist
männlich, technisch, der Park dagegen weiblich, organisch. Archaische Bilder
zitierend, ließe sich dem Park die "roh dargebrachte Frau", dem Komplex
dagegen der "gekochte Mann" zuordnen. Es gibt zwar keine Brautwerbung, aber
es findet sich der Brautpreis, ja selbst ein Vermählungsakt. Auf den ersten
Blick scheint der Park absolut vom Komplex abhängig. Tatsächlich verdankt
sich der Komplex in vergleichbarer Weise dem Park. Zweifellos handelt es
sich beim Park, wenn ich es so sagen kann, um eine Erfindung des Komplexes.
Längst wird der Komplex auch durch den Park erfunden, geschrieben.
Nennen Sie mir den Brautpreis?
Den Ornaten kommt die Funktion des Brautpreises zu.
Das scheint mir kein hoher Preis zu sein.
Der Wert einer Sache verdankt sich oft genug seiner symbolischen Bedeutung.
Denken Sie an unser Papiergeld. Ohne symbolische Übereinkunft, der ein
Geldschein seine Bedeutung verdankt, wäre dieser vollkommen wertlos. Niemand
würde sich die Mühe machen, einen Geldschein von der Straße aufzuheben.
Muscheln, die in manchen Kulturen als Brautpreis entrichtet wurden, mögen
für uns vollkommen wertlos sein, in all diesen Gesellschaften galten sie
dagegen, zumindest bis zum Auftauchen von Billigware, als höchst wertvoll.
Etwas Ähnliches gilt in der abgeschlossenen Welt des Parks für die Ornate.
Sie gelten als sehr kostbar. Der Umgang mit diesen Ornaten innerhalb des
Parks kennt zahllose Regeln, auch Verbote. Es beginnt damit, dass jeder
einzelne Ornat dem Rat der Zuchtmütter übergeben werden muss. Dieser
entscheidet, ob der Brautpreis angenommen wird, was keinesfalls sicher ist.
Wird er akzeptiert, dann wechselt er in jenen Pavillon, in dem sich das
betreffende Mädchen befindet. Dort weckt er lebhaftestes Interesse. In
Anwesenheit der angehenden Zuchtmutter wird er bestaunt, begutachtet,
herumgereicht, befühlt und kommentiert. Die junge Frau, die ihn tragen wird,
steht dabei im Mittelpunkt. Diese, eigentlich noch ein Mädchen, ja fast noch
ein Kind, erlebt dabei ihre wohl glücklichste Zeit. Am Abend vor dem
Initiationsritus wird sie in einer feierlichen Zeremonie von größeren
Mädchen vollständig entkleidet, worauf ihr die Mutter des Pavillons, zumeist
in Anwesenheit von Müttern anderer Pavillons, den Ornat anlegt. Ich habe
diese Zeremonie oft genug beobachtet. Was immer die junge Frau will, nichts
wird ihr an diesem Abend abgeschlagen. Sie wird vorbereitet auf die einzige
Nacht, die sie im Zentralgebäude verbringen, in jenem Gebäude also, in dem
sie am nächsten Tag ihre Initiation erfahren wird, um dann in den Komplex zu
wechseln und ihre Funktion im Programm zu erfüllen.
Im Gegensatz zum Feder- oder Muschelgeld zirkulieren die Ornate nicht. Mit
ihnen lässt sich auch nichts kaufen. Sie gehen in die Sammlung des Museums
ein.
Als Ethnologe muss ich das bedauern.
"Roh dargebrachte Frauen", besser ließe es sich nicht formulieren. Aber wo
finden sich im Komplex die "gekochten Männer"?
Eine sehr interessante Frage. Nach den "gekochten Männern" wird man freilich
vergeblich suchen. Ich jedenfalls konnte sie nicht entdecken, nicht einmal
eine symbolische Entsprechung. Es gibt auch keine Verhandlungen den
Brautpreis betreffend. Die Ornate werden, übrigens nicht anders als die
Mädchen, die in den Park eingeführt werden, geradezu diskret übermittelt.
Wie vieles andere werden sie von der Architektur termingerecht freigegeben.
Dennoch verdankt sich alles einer sehr komplizierten Zirkulation zwischen
den beiden Bereichen A und B, in denen extremer Weise Gabenökonomie und
Geldwirtschaft aufeinanderprallen. Das Unternehmen ist seinen Aktionären
verpflichtet. Davon weiß keines der Mädchen, keine der Frauen, die im Park
lebt. Meine Feldstudie sollte dazu beitragen die Frage zu klären, ob es
sinnvoll ist, den Park zu öffnen, die Zuchtmütter nicht länger vom
gesellschaftlichen Leben auszuschließen. Zweifellos hörte der Park auf zu
funktionieren, würde er in die Geldwirtschaft eingebunden mit all ihren
Vorstellungen von Mobilität, Wahlmöglichkeiten oder freier Entscheidung. Man
muss kein Ethnologe sein, um zu begreifen, dass die Geldwirtschaft in
kürzester Zeit selbst jahrtausende alte Hochzeitsbräuche sinnlos macht. Als
auf den erwähnten Inseln Banknoten an die Stelle des Federgeldes traten,
waren die jungen Männer gezwungen, dieses an anderen Orten zu verdienen, gab
es doch auf den Riffinseln keine Verdienstmöglichkeiten. Kamen sie zurück
und bezahlten ihren Brautpreis mit dem verdienten Geld, kaufte die Familie
damit zumeist Gebrauchs- und Luxusartikel, ohne auch nur daran zu denken,
dass der Sohn auch Geld für seinen Brautpreis benötigen würde. Um es kurz zu
sagen, innerhalb kürzester Zeit lösten sich komplexe soziale Strukturen auf.
All das ist zu bedenken, fragt man, ob es besser wäre, den Park zu öffnen.
Der Aufbau von Strukturen erfordert sehr viel Zeit, zerstören lassen sie
sich dagegen nur allzu schnell. Den Park in seiner heutigen Form würde es
nicht länger geben. Austragemütter lassen sich einfach auf dem freien Markt
rekrutieren. Zuchtmütter lassen sich dagegen auf diese Weise nicht finden.
Was haben Sie dem Unternehmen empfohlen?
Ich war mir der Tragweite meiner Empfehlung bewusst. Wie andere denke ich,
dass kein Mensch in seinen Entfaltungsmöglichkeiten behindert werden sollte.
Mit solchen Argumenten stieß ich keineswegs auf taube Ohren. Aber dennoch
empfahl ich, am gegenwärtigen Zustand nichts zu ändern.
Waren Sie jemals im Park, haben Sie mit Zuchtmüttern gesprochen?
Das ist nicht möglich. Warum sollte ich auch. Das Leben darin lässt sich
doch auf zahllosen Monitoren verfolgen. Ich konnte stets zwischen hunderten
von Kameras wechseln. Kein Ethnologe zuvor hatte je die Möglichkeit, eine
Kultur aus so vielen Perspektiven zu sehen, und das ohne selbst zu einer
Störung im Feld zu werden. Ich bedurfte keiner Täuschungen, keiner Kameras,
die etwas anderes dokumentieren als das übergroße Objektiv behautet.
Kann man Menschen verstehen, spricht man nicht mit ihnen, werden einem
selbst keine Fragen gestellt? Vermutlich wären Sie zu anderen Ergebnissen
gekommen, hätten Sie mit den den Frauen gesprochen, hätten Sie sich unter
die turnenden Mädchen gemischt, hätten Sie an den kindlichen
Körperuntersuchungen, an einer der vielen Einübungen ins Programm
teilgenommen. Zweifellos sind Sie Tausende Stunden vor Monitoren gesessen.
Aber eine fremde Welt vermag man doch nur dann zu verstehen, interagiert man
mit ihr, fühlt man sie mit dem ganzen Körper, nimmt man ihre Gerüche war.
Mag sein. Aber das war nicht meine Aufgabe.
Es scheint, als hätten Sie Moreaus Insel doch noch gefunden, ein
überschaubares, aber nicht weniger groteskes Experiment.
Ihre Unbedarftheit rührt mich. Was würde geschehen, öffnete man den Park?
Stellen Sie sich doch einmal die Neugierigen vor, von denen er überschwemmt
würde. Die ganze Welt der Mädchen und Frauen, die heute darin leben, bräche
zusammen. Saß ich auch nur vor Monitoren, so empfand ich doch oft genug
etwas von ihrem Glück. Zweifellos würden die Frauen durch eine Öffnung in
ein tieferes Unglück stürzen als all die ans Unglück gewohnten, zu denen
auch ich mich zähle.