Berge versetzen
Ein Projekt von Ben Hübsch und Carl Ludwig Hübsch


zeichnung: martin meienburg

"Draußen verändert sich das Licht und die Farbe
ständig. Das liegt vor allem daran, dass wir hier
drin..." "Für mich fehlt noch irgendwas. Jetzt hab ich erst
mal ein Stromproblem..."
"Schalt ein."
"Nein, der Aku ist auf elf acht...."
"Vor kurzem war es nur elf fünf."
"Ich bin noch überhaupt nicht fertig mit den ganzen
Dingen und steh noch voll drin und....."


zeichnung: martin meienburg

17 x 7 plus 16 x 7 plus 11 x 7. 348 transparente Plastiktüten in den Farben von blau bis weiß, dazwischen Grün- und diverse Gelb- und Rosatöne, aufgereiht an horizontal verlaufenden Gummischnüren, die zwischen 16mm starken Stahlbetonstangen gespannt sind. Sieben Gummischnüre verbinden die Stahlbetonstange A mit der Stange B, sieben die Stange B mit der Stange C, sieben die Stange C mit der Stange D. So ergeben sich drei Flächen. Die Fläche 2 steht in einem rechten Winkel zur Fläche 1, die Fläche 3 in einem Winkel von 45 zur Fläche 2 und 1, wobei diese mit letzterer nicht verbunden ist. Die vier Stangen, die in einem leicht nach außen gerichteten schrägen Winkel in die Erde getrieben wurden, werden durch die Gummischnüre zusammengezogen, so dass sie senkrecht in der Erde zu stehen scheinen. Kommt Wind auf, füllen sich die Tüten, dehnen sich die Gummischnüre. Nun neigen sich die Stangen nach außen. Manchmal erinnern die Bewegungen der Tüten und Stangen an die Atembewegung. Ausdehnen und Zusammenziehen. Eine leichte, oft aber doch sehr bestimmte Bewegung. Ist es windstill, hängen die Tüten schlaff an den Schnüren und lassen an Kinderhemdchen an Wäscheleinen denken. Aber schon bei kleinsten Windbewegung blähen sie sich auf, heben und öffnen sich wie die Lamellen von Jalousien. Je nach Windrichtung können sie sich, da sie an den Schnüren selbst nicht fixiert sind, nach links oder rechts bewegen. Manchmal wandern einzelne Tüten langsam von der einen auf die andere Seite. Kommt jedoch ein heftiger Windstoß, können sich viele Taschen auf der einen oder auf der anderen Seite geradezu zusammenklumpen. Wie ein Seismograph reagiert das Gebilde auf jede Windbewegung. Die einzelne Plastiktüte mag noch so leicht sein, noch so wenig Gewicht haben, in ihrer Summe machen die Tüten die Stahlbetonstangen beweglich und lassen diese leicht erscheinen. Leichtes und Schweres, Hartes und Elastisches sind in besonderer Weise zusammengefügt. Es ist ein Klangkörper mit einem Lautspektrum, welches von einem leisen Rascheln, Reiben bis - abhängig von der Windstärke - zu einem lauten Surren reichen kann. Wie die Plastiktüten ihr Gegenstück in den Eisenstangen finden, hat die Installation ihr Gegenstück im geschlossenen Innenraum, in dem die außen aufgenommenen Geräusche aus zwei Lautsprecherboxen zu hören sind. Vom Innenraum blickt man auf die davor im Garten aufgestellte Installation, die je nach Windbewegung in ständig neuen Variationen den Blick auf die dahinter liegende Gebirgslandschaft freigibt. Der zentrale Berg im Hintergrund nennt sich "Drei Schwestern", von denen die Sage berichtet, sie seien aus Geldgier in Stein verwandelt worden. Solche Bezüge spielen jedoch keine Rolle. Das Sicht- und Hörbare ist einzig das, was es ist. Der Berg ist ein Berg, das Läuten der Kirchenglocken ist nur das Läuten von Kirchenglocken und die Plastiktüten, auf Pariser Märkten gekauft, sind einzig Plastiktüten, normierte Industrieprodukte (ohne Aufschrift) für diese oder jene Verwendung. Die Plastiktüten dieser Installation verdanken sich nicht ihrer eigentlichen Bestimmung, sondern der Intention, Musik und bildende Kunst in einem Projekt zusammenzubringen. Sie boten sich als eines unter anderen Materialien an, weil sie neben ihren Farbqualitäten auch als akustisches Material interessant sind. Dies gilt auch für die Schnüre, die üblicherweise beim Gummi-Twist Verwendung finden. Ben Hübsch und Carl-Ludwig Hübsch haben ihre Erfahrungen, der eine als bildender Künstler, der andere als Musiker eingebracht. Gleichwertig ergänzen sich Bild und Klang. Die Feinarbeit geschah an Ort und Stelle mit Hilfe unterschiedlicher Versuche, Neuanordnungen und Ergänzungen des dokumentierten Tonmaterials, das sich nicht nur auf die von den Tüten erzeugten Geräusche, sondern auch auf Geräusche der Landschaft bezog. Hat Ben Hüsch, ausgehend von einer zufälligen Hängung, eine strenge Farbanordnung entwickelt, so hat Carl-Ludwig Hübsch die von ihm dokumentierten O-Töne schließlich ähnlich streng geordnet und den direkt eingespielten Tütengeräuschen unterlegt, versucht, die Bewegung der Tüten in der Musik bzw. Klanginstallation umzusetzen. Eine Zeit- oder Tüteneinheit entspricht 1/2 minute. Den acht Tütenfarben sind acht O-Töne zugeordnet. Die Klänge ziehen sich entsprechend der Farbanordnung auf der Fläche 1, gelesen von links oben nach rechts unten, durch das Tonstück. Die jeweilige Lautstärke entspricht der Struktur der Fläche 2, Rhythmus und Klangdauer jener der Fläche 3. Berge werden keine versetzt, wohl aber sind Bergbilder zu sehen, die sich, kaum sind sie entstanden, wieder auflösen oder ändern. In dem Augenblick, in dem das Objekt selbst die Serienreife erlangt hat, wird es, nach staunender und wehmütiger Betrachtung, auch schon wieder abgebaut. Es bleiben nur Bilder. Musik- bzw. Tondokumente lassen sich besser konservieren. Das Tonstück dauert 1 Stunde und 8 Minuten.

Ein Windstoß.


zeichnung: martin meienburg


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