Menschen bei der Arbeit








Herr Wenteler, Sie sind in der sexualwissenschaftlichen Abteilung von REPRO TECH II beschäftigt. Wie Sie mir sagten, gilt ihr Interesse den sexuellen Phantasien von Männern.

Ja, da muss ich Ihnen aber vorerst den ganzen Zweck meiner Arbeit erklären. Unser Unternehmen ist bestrebt, bestmögliches Spermienmaterial zu bekommen. Bedauerlicherweise leiden nicht wenige der Spender an Erektionsstörungen. In den letzten zwanzig Jahren haben solche Störungen erheblich zugenommen. Als unser Unternehmen gegründet wurde, da reichte es noch aus, einen Spender mit einigen Pornoheften in eine kleine Kabine zu schicken. Inzwischen mussten wir uns einiges einfallen lassen. Es ist ein vitales Interesse von REPRO TECH II, etwas über die sexuellen Phantasien von Männern zu verstehen.

Es kann doch kein Problem sein, Männer zu finden, die nicht an Erektionsstörungen leiden.

Sie irren sich. Wir wollen ja kein beliebiges Spermamaterial, sondern das beste. Es kommen nur Männer in Frage, die alle genetischen Untersuchungen bestehen. Es geht nicht allein um vererbbare Erkrankungen, sondern auch um Stresstoleranz, geringe Allergieneigung und vieles andere. Sie müssen einen gut gebauten Körper haben, der den Schönheitsvorstellungen unserer Kunden entspricht. Und schließlich kommen als Spender nur Männer in Frage, die in Wirtschaft, Wissenschaft oder Sport Höchstleistungen erbringen. Sie werden also verstehen, dass nur wenige Männer als Samenspender in Frage kommen.

Warum sollten gerade die Männer, die als die besten, vitalsten gelten, an Erektionsstörungen leiden?

Das Problem ist in der Rinderzucht längst bekannt. Nur, die dort entwickelten Möglichkeiten, etwa operative Eingriffe, lassen sich beim Menschen nicht anwenden. Die Samenspender müssen in Beruf und Gesellschaft tagtäglich unter Beweis stellen, dass sie die besten Anlagen besitzen. Tun sie dies, dann sehen wir über ihre Schwächen in der Spermiengewinnung hinweg.

Und was unternimmt REPRO TECH II gegen solche Schwächen?

Wir beschäftigen Erektionshelferinnen. Aus Kostengründen bevorzugen wir allerdings Filmmaterial. Wie andere Unternehmen tun wir alles, um den Beschäftigtenstand so gering wie möglich zu halten. Erektionshelferinnen sind teuer. Sie benötigen eine gute Ausbildung, müssen regelmäßig supervidiert werden. Allein aus diesem Grund beschäftigen wir uns mit erektionsfördernden Filmen.

Sie produzieren Pornofilme?

Nein. Mit üblichen Pornofilmen hat all das wenig zu tun. Unsere Filme kennen keine Handlung, erzählen nichts. Das Bildmaterial soll tief ins Unterbewusste wirken. Der einzelne Samenspender soll dabei möglichst rasch jene Bilder abrufen können, die bei ihm eine Erektion bzw. einen Samenerguss zur Folge haben. Letztlich haben wir es mit einer interaktiven Bilderproduktion zu tun, in der ein Computerprogramm aufgrund biographischer Daten, aktueller Körperparameter wie direkter Eingaben des jeweiligen Samenspenders unmittelbar einen Film generiert. Jeder dieser "Filme" ist ein Unikat. Selbst der einzelne Samenspender wird nie einen Film ein zweites Mal sehen können. Der Interaktivität sind freilich dort Grenzen gesetzt, wo sie Samenspender ihre Hände zur Samengewinnung benötigen.

Was können Sie mir als Frau zu den sexuellen Phantasien von Männern sagen?

Es ist eine Binsenweisheit. Diese Phantasien sind sehr verschieden. Da finden sich Männer, die eher anal fixiert sind, andere stellen sich es als lustvoll vor, einer Frau in den Mund oder in das Gesicht zu ejakulieren, wieder andere wollen der Frau Anweisungen geben, sie in diese oder jene Position bringen. Schauen Sie sich doch eine beliebige Pornoseite im Internet an. Da werden Sie jede nur erdenkliche Männerphantasie finden, und zwar bereits bestens sortiert.

Wenn sich ohnehin alle Männerphantasien im Internet finden, wozu betreiben Sie dann noch ihre Forschung?

Männerphantasien, das ist doch bloß eine Kategorie, eine Art Türschild. Mich interessieren ja nicht Männer, die davon phantasieren, einer Frau in den Mund zu urinieren, mich interessieren auch keine Männer, die mit dem Blick eines Gynäkologen eine Vagina betrachten wollen. All das ist bekannt. Es wurde ja schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts dazu geschrieben. In ihren Anfängen sammelte die Sexualwissenschaft vor allem abnorme Verhaltensweisen, mochte sie das Abnorme auch als geltende Praktik, in einem gewissen Sinn als normal behaupten.

Aber psychoanalytisch ist dies doch sehr interessant.

Ohne Sigmund Freud wäre die heutige Sexualwissenschaft nicht zu denken. Aber ich bin kein Therapeut, will und muss nicht verstehen, warum es einem Mann Lust bereitet, in das Gesicht einer Frau zu urinieren oder sich selbst mit Kot zu beschmieren. Unsere Aufgabe ist es, mit Hilfe wissenschaftlicher Verfahren Wirkung zu erzielen. Diesbezüglich sind natürlich auch Männer von Interesse, die dann erregt werden, wenn sie den Körper einer Frau beschmutzen. Die Sexualwissenschaft, die ich betreibe, kennt keinen einzigen Grund, die Triebfedern für ein solches Verhalten zu verstehen.

Welche Art von Sexualwissenschaft betreiben Sie denn dann?


Lassen Sie es mich erklären. In den Anfängen der Sexualwissenschaft wurde diese wie eine Art Käfersammlung betrieben. Natürlich gab es auch politische Zielsetzungen, etwa Homosexualität oder Abtreibung betreffend. Aber je verrückter ein Verhalten war, umso größer war die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Eingang in eine wissenschaftliche Publikation fand. Damals wurden ganze Sammlungen von Fotos und Fallgeschichten angelegt, in denen es um Menschen geht, die sich während ihrer autoerotischen Betätigung strangulierten, also den Tod fanden. Die damaligen Sexualwissenschaftler begriffen nicht - mit ihren Publikationen bedienten sie nur zu oft ein Publikum, welches sich unter dem Deckmantel moralischer Entrüstung oder wissenschaftlicher Erkenntnis eigene Phantasien illustrieren ließ - dass sie nicht einfach nur aufklärten, sondern vollkommen neue, die Sexualität betreffende Bilder produzierten.

Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich rauche?

Rauchen Sie bitte. In der heutigen Gesellschaft muss eine sexualwissenschaftliche Abteilung eine letzte Enklave sein, vor der die umfassende Hygienisierung Halt macht. Was ich sagen wollte, ich beschäftige mich damit wie die heutige Bilderproduktion sich auf sexuelle Phantasien und Praktiken auswirkt.

Wirkt sie sich aus?

Wir konnten durch unsere Forschungsarbeit eindeutig belegen, dass sexuelle Phantasien und Praktiken zunehmend durch medial vermittelte Bilder bestimmt werden. Was einst als abnorm galt, wird zum Normalen. Heute können sich nur noch Pubertierende einfach ins Bett legen und sich einer gegenseitigen Erkundung überlassen. Auffallend ist auch, dass das Reizniveau stetig steigt. Noch vor wenigen Jahrzehnten genügte das Bild einer vielleicht etwas freizügig gekleideten Frau für eine Erektion. Denken Sie doch an die Pin-up-Girls der fünfziger Jahre. Heutige Pornofilme haben diese Wirkung nicht.

Sollte sich nicht eher eine Frau mit sexuellen Phantasien von Männern beschäftigen?

Dafür wären gute Gründe zu nennen. Aber wir sind kein feministisches Forschungsinstitut. Unsere Arbeit gilt unternehmerischen Interessen und nicht gesellschaftlichen Fragen. Wir beschäftigen uns mit Spermaspendern. Übrigens sind in unserer Abteilung mehr Frauen als Männer beschäftigt, und zwar auch in leitenden Positionen.

Sie haben mir einen Film gezeigt, der den Titel trägt: Menschen bei der Arbeit.

Der genaue Titel lautet: Wer immer einen Porno sieht, sieht Menschen bei der Arbeit.

Um es gleich zu sagen, dieser Film hat mich doch ziemlich irritiert. Von jemand, der in einer sexualwissenschaftlichen Abteilung eines Repoduktionsunternehmens beschäftigt ist, würde ich mir einen anderen Film erwarten. Sie werden mir doch recht geben, mit Wissenschaft hat dieser Film wenig zu tun.

Vielleicht mehr als Sie glauben.

Ich habe jedenfalls nichts anderes gesehen als einen Zusammenschnitt von ganz kurzen Sequenzen, in denen kopulierende Menschen, meist sogar nur kopulierende Geschlechtsteile zu sehen sind. Welchen Erkenntnisgewinn soll das haben. Und dann fiel mir noch auf, dass es auch kein Pornofilm ist.

Was die Wissenschaft betrifft, entdeckt man oft etwas über Umwege, nicht selten über nutzloses Tun. Ganz entscheidende Erkenntnisse der Biologie verdanken sich falschen Fragestellungen, ich möchte sagen, Zufällen wie auch Abfällen. Aber da kann ich Sie beruhigen, aus einem wie immer gearteten wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn habe ich den Film nicht gemacht. Siegfried Kracauer beschäftigte sich in einen seiner Texte mit kakteenzüchtenden Büroangestellten. Arbeit ist oft genug Routine. Wie die Kakteenzüchter will auch ich irgend eine kleine Leidenschaft haben, nennen wir diese Leidenschaft einmal eine Gegenlektüre.

Kriegen Sie da keine Schwierigkeiten mit Ihren Vorgesetzten, wenn Sie während Ihrer Arbeit solche Filme machen?

Natürlich nicht. Die wissen um meine Begabungen, und ich weiß, was ich dem Unternehmen schuldig bin.

Was war das Anliegen Ihres Films?

Ich sagte Ihnen bereits, dass ich da eine Art Gegenlektüre betreibe. Ich musste mir in den letzten zwanzig Jahren zahllose Pornofilme anschauen. Solche Filme anzusehen, das ist Arbeit, oft genug langweilig. Während eines Seminars für Mitarbeiter, wir schauten einen dieser Film an, dachte ich mir angesichts kopulierender Menschen: Da sind Menschen bei der Arbeit zu sehen. Natürlich wusste ich das auch zwanzig Jahre früher. Aber nun sprach ich den Satz erstmals für mich aus. Und da wollte ich dann einen Film machen, der eben Menschen bei der Arbeit zeigt.

Aber in ihrem Film sind keine wirklichen Menschen zu sehen.

Nein, man sieht einzig mechanische Bewegungen, und die Bilder sind zumeist noch unscharf. Da ich mit einer alten Handkamera gearbeitet habe, die noch aus der Zeit vor dem ersten Farbfilm stammt, scheint es, als sähe man einen Stummfilm, als lebte man noch in der Zeit der Dampfmaschinen. Es ist ja tatsächlich ein endloses Gestampfe. Nur, wo fahren all diese Maschinen hin? Wir haben es zwar mit einer Art Bahnhof des Begehrens zu tun, aber es fahren keine Züge ab, es kommen keine an.

Ihr Film kennt ja nicht einmal eine Geschichte!

Sie haben recht. De Sade erzählte keine Geschichten wie auch der heutige Pornofilm keine Geschichte kennt. Da glauben allerdings noch viele, de Sade hätte Geschichten erzählt, und der heutige Pornofilm tut immer noch so, als erzählte er eine Geschichte: Susi möchte Model werden. Beim Casting .... Wer meinen Film sieht, hat diesbezüglich keinen Zweifel mehr.

Erlauben Sie mir noch eine Frage. Haben Sie Theweleit gelesen?

Natürlich. Als ich studierte, zählte das noch zur Pflichtlektüre. Aber ich hätte ihn auch allein deshalb gelesen, weil sich der Titel seines Buches mit der Bezeichnung unseres Forschungsprojektes deckt: "Männerphantasien." Der Erfolg des Buches verdankte sich nicht zuletzt diesem prägnanten Titel. Eine verlegerische Leistung.

Fanden Sie das Buch lehrreich?

Heute weiß ich, dass das Buch von Klaus Theweleit weniger über Männerphantasien als über die Zeit aussagt, in der es geschrieben wurde, über Konflikte mit der Elterngeneration, die Nachwirkungen der NS-Zeit, die Suche nach neuen Geschlechteridentitäten und so fort. Es ist ein Buch für Zeitgeschichtler. Für mich als Sexualwissenschaftler ist es unnütz.

Denken Sie ihre Arbeit als Disziplin?

Sie meinen, ob ich diszipliniert arbeite? Wer wie ich in seiner Arbeit aufgeht und die nötige Anerkennung dafür bekommt, hat mit Disziplin keine Schwierigkeit. Wenn ich die Körper und Gesichter in Pornofilmen sehe, dann weiß ich, dass all diese Menschen in ihre Arbeit gezwungen sind, mögen sie selbst auch etwas anderes behaupten. In den so produzierten Bildern spiegelt sich aber auch die heute zumeist praktizierte Sexualität. Galt sexuelle Betätigung einmal als etwas der Arbeit Abgetrotztes, als etwas jenseits aller Ökonomie Liegendes, so wird nun buchstäblich gearbeitet. Und dies gilt nicht nur für die Akteure vor der Kamera, sondern auch jene, die vor dem Internet sitzen und ständig nach neuen Bildern suchen. Die Lustsimulatoren arbeiten besonders hart. Die Produktion verlangt Körperstellungen, die so niemand einnähme, denkt doch niemand daran, dass die Genitale stets für das Kameraauge wie den Betrachter sichtbar sein sollen. Arbeit ist es, so lange in einen anderen Körper einzudringen, sich so lange und so oft penetrieren zu lassen, bis genügend Bildmaterial verfügbar ist. Wer immer Pornos anschaut, sieht Menschen bei der Arbeit. Wollen Sie noch eine rauchen? Setzen wir uns doch auf die Dachterasse. Das Wetter ist heute angenehm. Ich habe einen guten Cognac im Schrank. An Gläsern wird es auch nicht fehlen.

Das Gespräch mit Hans Wenteler führte Siegrid Sälber

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