Simone Weil
Plan für eine Gruppe von
Krankenschwestern an vorderster Front



Das folgende Projekt war Gegenstand eines günstigen Berichts der Armeekommission des Senats (Commission de l'Armée du Sénat) im französischen Kriegsministerium im Mai 1940. Die sich überstürzenden Ereignisse haben jeden Durchführungsversuch außer Frage gestellt.

Anbei ein Brief, in dem JoŽ Bousquet, ein ehemaliger Kämpfer des anderen Krieges und schwer kriegsinvalid, seine Meinung zu diesem Projekt zum Ausdruck bringt. 1918 an der Wirbelsäule verletzt und als Folge dieser Verletzung an Paraplegie leidend, hat er seither sein Bett nicht mehr verlassen. Seine Kriegserfahrung steht ihm viel näher als jenen, die nach 1918 wieder ein normales Leben aufgenommen haben; andererseits ist seine Meinung die eines reifen Mannes. Damit ist seine Ansicht wertvoll.

Dieses Vorhaben betrifft die Bildung einer Sondereinheit von Krankenschwestern an vorderster Front. Eine solche Einheit wäre sehr mobil und sollte sich prinzipiell immer an den gefährlichsten Orten aufhalten, um mitten in der Schlacht Erste Hilfe zu leisten.

Man könnte den Versuch mit einem kleinen Kern von zehn Frauen oder gar noch weniger beginnen; und man könnte so schnell, wie man will, damit beginnen, weil fast keine Vorbereitung nötig ist. Grundkenntnisse der Krankenpflege würden ausreichen, da im Gefecht außer Verbänden, Druckverbänden und vielleicht Injektionen nur wenig gemacht werden kann.

Die dafür unerlässlichen Charaktereigenschaften zählen zu jenen, die man sich nicht aneignen kann. Frauen auszuschließen, die sich bewürben ohne sie zu haben, wäre ein einfach zu lösendes Problem. Die Kriegsgräuel sind heute in der Vorstellung aller derart gegenwärtig, dass man eine Frau, die sich freiwillig für solch eine Tätigkeit meldet, sehr wahrscheinlich als geeignet betrachten kann.

Dieses Vorhaben mag, weil es neu ist, auf den ersten Blick undurchführbar erscheinen. Doch ein wenig Aufmerksamkeit erlaubt anzuerkennen, dass es nicht nur durchführbar, sondern auch sehr einfach zu verwirklichen ist; dass im Fall eines Mißerfolgs die Unannehmlichkeiten fast gleich null sind; dass im Fall eines Erfolgs die Vorteile wirklich beträchtlich sind.

Es ist einfach durchzuführen, weil für einen ersten Versuch ein ganz kleiner Kern von Freiwilligen ausreicht. Keinerlei Organisation wäre erforderlich aus eben dem Grund, dass die Anzahl zunächst sehr klein wäre. Wenn der erste Versuch gelänge, würde sich jener ursprüngliche Kern nach und nach vergrößern; Organisation wäre in jenem Maße nötig, wie es die Dimensionen der Einheit erforderten. Zudem könnte eine solche Einheit gerade wegen der Art ihrer Aufgabe in keinem Fall sehr groß sein; es ist auch nicht nötig. Der Versuch könnte nur durch die Unfähigkeit der weiblichen Mitglieder einer solchen Einheit, ihre Aufgabe zu erfüllen, fehlschlagen.

Es sind nur zwei Dinge zu befürchten: zum einen, dass den Frauen im Gefecht der Mut abhanden kommt; zum anderen, dass ihre Anwesenheit unter den Soldaten nachteilige Auswirkungen auf die Sittlichkeit hat. Das eine wie das andere wird jedoch nicht der Fall sein, wenn der Charakter der Frauen, die sich als Freiwillige melden, ihrer Entschlossenheit entspricht. Niemals würden es die Soldaten an Respekt gegenüber einer Frau fehlen lassen, die Mut in der Gefahr beweist. Die einzig zu treffende Vorsichtsmaßnahme bestünde darin, den Kontakt zwischen diesen Frauen und den Soldaten nur im Gefecht, nicht aber in Zeiten der Waffenruhe zu gestatten.

Selbstverständlich müssten diese Frauen mutig genug sein. Sie sollten das Opfer ihres Lebens gebracht haben. Es wäre unabdingbar, dass sie stets bereit wären, an den härtesten Orten zu sein, sich derselben oder noch größerer Gefahr auszusetzen als die Soldaten, die ihr am meisten ausgesetzt sind; dass sie sich über Verletzte und Sterbende beugen, ohne von Angriffsgeist getragen zu sein.

Wenn aber der Versuch gelänge, dann entspräche der Nutzen dem Aufwand. Der Aufwand ist eher scheinbar als real angesichts der kleinen Anzahl dieser Freiwilligen und vor allem des ersten Kerns, die, um es noch einmal zu sagen, geringer als zehn sein könnte. Es ist wahrscheinlich und fast sicher, dass sich ohne Mühe zehn ausreichend mutige Frauen finden lassen.

Für jene, die sich in der Folge dem ursprünglichen Kern anschlössen, wäre das Nacheifern ein sehr starker Anreiz.
Falls während des ersten Versuchs Frauen im Gefecht versagten oder nicht genügend Zurückhaltung im Umgang mit den Soldaten zeigen würden, wäre lediglich die Einheit aufzulösen, die Frauen ins Hinterland zurückzuschicken und die Idee aufzugeben.

Da der Versuch nur mit sehr wenig Aufwand und ohne Werbung durchgeführt worden wäre, wären die Unannehmlichkeiten gleich null, ausgenommen die Verluste, die sich ereignet haben könnten.
Doch wären diese Verluste, was die Anzahl betrifft, im Kontext des Krieges verschwindend, man kann sagen, vernachlässigbar. In der Tat wird bei einer Kriegshandlung der Tod von zwei oder drei Menschen kaum als Problem gesehen. Im Allgemeinen gibt es keinen Grund, das Leben einer Frau, vor allem wenn sie schon ihre erste Jugend hinter sich hat, ohne verheiratet oder Mutter zu sein, als wertvoller als das Leben eines Mannes zu betrachten; umso weniger, als sie das Todesrisiko akzeptiert. Es wäre einfach, aus einer solchen Gruppe Mütter, Gattinnen und junge Mädchen unter einer bestimmten Altersgrenze auszuschließen.

Die Frage der körperlichen Widerstandsfähigkeit ist weniger wichtig, als sie auf den ersten Blick scheint, sogar wenn diese Einheit dazu angehalten wird, unter sehr rauen klimatischen Bedingungen zu arbeiten. Gemäß der Art der Aufgabe wäre es einfach, lange und häufige Ruhezeiten zu gewährleisten. Diese Frauen müssten nicht anhaltende Ausdauer beweisen, wie das bei Soldaten der Fall ist. Es wäre einfach, ihren Einsatz an ihre Möglichkeiten anzupassen.

Der motorisierte Charakter des modernen Kriegs mag zunächst als ein Hindernis erscheinen. Denkt man aber darüber nach, dann werden die Dinge dadurch im Gegenteil wahrscheinlich sogar erleichtert.
Wenn die Infanterie in Lastwagen ins Gefecht geschickt wird, kann es nicht schwer sein, dafür zu sorgen, dass bei so und soviel Plätzen einer für eine Frau reserviert wird. Das bedeutet zwar ein Gewehr weniger, doch ginge von der Anwesenheit dieser Frau eine materielle und moralische Wirkkraft aus, die diesen Nachteil als belanglos erscheinen ließe.

Es ist zu befürchten, dass es, sollte der Versuch mit einem kleinen Kern gelingen, auf Grund der Schwierigkeit der Aufgabe unmöglich sein könnte, die Rekrutierung zu erweitern.
Aber sogar wenn eine solche Einheit niemals aus mehr als einigen duzend Mitgliedern bestehen sollte, was nicht sehr wahrscheinlich ist, wären die Vorteile nichtsdestotrotz beträchtlich.
Desgleichen, wenn nach einer gegebenen Zeit die Sterblichkeitsrate zu hoch für die Fortführung des Versuchs erschiene, so blieben doch die Vorteile des durchgeführten Versuchs, die den Nachteil der Verluste weit überwiegen würden.

So verringert sich die Zahl der Einwände, die beim ersten Blick auf ein solches Projekt auftauchen, nach aufmerksamer Prüfung auf ganz wenige Dinge, man könnte sagen, auf fast gar nichts. Im Gegenteil, die Vorteile sind umso eindeutiger und scheinen umso größer, je näher man sie untersucht. Der erste und augenscheinlichste liegt in eben jener Aufgabe, welche die Frauen normalerweise bewältigen müssten.

Da sie sich an den gefährlichsten Ort aufhalten und die Soldaten ins Gefecht begleiten, was gewöhnliche Krankenträger, Sanitäter und Krankenschwestern nicht tun, würden sie in vielen Fällen Leben von Soldaten retten, indem sie jenen, die fallen, einfache, aber doch unmittelbare Hilfe leisten.

Die moralische Unterstützung, die sie all jenen zukommen ließen, um die sie sich kümmern, wäre in gleicher Weise unschätzbar. Sie würden den Todeskampf erleichtern, indem sie die letzten Nachrichten der Sterbenden an ihre Familien entgegennehmen; sie würden durch ihre Anwesenheit und Zusprüche die Leiden der oft langen und so schmerzhaften Wartezeit verringern, die zwischen dem Moment der Verletzung und der Ankunft der Krankenträger vergeht. Wenn es nur das gäbe, wäre das schon ein ausreichender Grund, um eine solche Einheit aus Frauen zusammenzustellen. Dieser Vorteil allein ist schon beträchtlich und wird durch fast keinen Nachteil eingeschränkt. Aber es gibt noch andere Vorteile, die mit der Ausführung dieses Projektes einhergehen und die aus dem Blickwinkel der allgemeinen Kriegsführung vielleicht von höchster Bedeutung sind.

Um sie schätzen zu können, muss man sich daran erinnern, bis zu welchem Grad moralische Faktoren im derzeitigen Krieg wesentlich sind. Sie spielen eine viel größere Rolle als in der Mehrzahl der vergangenen Kriege. Die Tatsache, dass Hitler der erste war, der dies verstanden hat, ist einer der Hauptgründe seines Erfolgs.

Hitler hat niemals die grundlegende Notwendigkeit, die Phantasie anzuregen, aus den Augen verloren; die der Seinen, der feindlichen Soldaten und der unzähligen Zuschauer der Auseinandersetzung. Die der Seinen, um ihnen den Impuls weiterzumachen einzuprägen. Die der Feinde, um unter ihnen die größte Verwirrung hervorzurufen. Die der Zuschauer, um sie zu überraschen und zu beeindrucken.

Eines seiner besten Mittel zu diesem Zweck, sind Spezialeinheiten wie die SS, Gruppen aus Fallschirmjägern, die als erste auf Kreta eingedrungen sind, und noch andere.
Diese Einheiten bestehen aus Männern, die für spezielle Aufgaben ausgesucht worden sind, nicht nur bereit, ihr Leben zu riskieren, sondern auch zu sterben. Da liegt das Wesentlichche. Sie werden von einer anderen Eingebung als die Masse der Armee angetrieben, eine Eingebung, die einem Glauben ähnelt, einem religiösen Geist.

Nicht dass der Hitlerismus den Namen einer Religion verdiente. Aber ohne jeden Zweifel ist er ein Religionsersatz, und dies ist einer der Hauptgründe seiner Stärke.
Die Männer sind gegenüber dem Leiden und dem Tod, was sie selbst und den ganzen Rest der Menschheit betrifft, gleichgültig. Die Quelle ihres Heldenmuts ist äußerste Brutalität. Die Einheiten, die sie zusammenführen, entsprechen vollkommen dem Geist des Regimes und den Absichten ihres Anführers.

Wir können Hitlers Vorgangsweisen nicht nachahmen. Zunächst weil wir in einem anderen Geist kämpfen und mit anderen Absichten. Dann, weil jede Nachahmung das Ziel verfehlt, wenn es darum geht, die Phantasie anzuregen. Nur das Neue regt an. br>
Aber wenn wir diese Vorgangsweisen weder nachahmen können noch sollen, sollten wir doch Entsprechendes haben. Dies ist eine vielleicht lebenswichtige Notwendigkeit.

Wenn sich die Russen bisher besser vor den Deutschen gehalten haben als die anderen Völker, dann ist einer der Gründe vielleicht, dass sie psychologische Verfahren besitzen, die denen von Hitler vergleichbar sind. Wir dürfen auch die Russen nicht nachahmen. Wir müssen Neues hervorbringen. Die Fähigkeit hervorzubringen ist selbst ein Zeichen moralischer Vitalität, dazu geeignet, die Hoffnungen jener Völker, die auf uns zählen, aufrechtzuerhalten und die der Feinde zu schwächen.

Schwerlich kann man den Nutzen von Spezialeinheiten in Zweifel ziehen, deren Mitglieder allesamt bereit sind zu sterben. Nicht nur kann man solchen Einheiten Aufgaben anvertrauen, denen andere weniger gut gewachsen wären; auch ist ihr Bestehen für die Armee eine starke Anregung und eine Inspirationsquelle. Dazu ist nur nötig, dass sich der Opfergeist durch Taten ausdrückt und nicht durch Worte.

Im unserem Zeitalter ist Propaganda ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Sie hat Hitler erfolgreich gemacht. Seine Feinde haben sie ebenfalls nicht vernachlässigt.
Doch während man viel über Propaganda im Hinterland nachdenkt, denkt man weniger an die Propaganda an der Front. Sie ist ganz genauso wichtig. Sie verlangt jedoch nicht dieselben Vorgehensweisen. Im Hinterland wird Propaganda mit Worten gemacht. An der Front müssen die Worte durch Taten ersetzt werden.

Spezialeinheiten, die durch absolute Opferbereitschaft motiviert sind, bedeuten in jeder Hinsicht Propaganda durch die Tat. Solche Einheiten handeln notwendigerweise aus einer religiösen Eingebung; nicht im Sinn einer Anbindung an eine bestimmte Religionsgemeinschaft, sondern in einem viel schwieriger zu definierendem Sinn, dem gleichwohl nur dieses Wort zukommt. Es gibt Umstände, unter denen eine solche Eingebung einen wichtigeren Siegesfaktor darstellt als die rein militärischen Faktoren selbst. Man kann sich davon überzeugen, indem man die Siegesmechanismen sei es von Jeanne d'Arc, sei es von Cromwell untersucht. Es könnte wohl sein, dass wir uns derzeit in Umständen solcher Art befinden. Unsere Feinde werden von einem Götzendienst, einem Ersatz religiösen Glaubens, angetrieben. Unser Sieg hängt vielleicht vom Vorhandensein einer vergleichbaren, aber authentischen und reinen Eingebung ab. Und nicht nur von der Existenz einer solchen Eingebung, sondern auch von ihrer Repräsentation durch geeignete Symbole. Eine Inspiration kann nur dann etwas bewegen, wenn sie zum Ausdruck kommt, und das beileibe nicht in Worten, sondern durch Taten.

Die SS bildet einen vollkommenen Ausdruck der Hitlerschen Inspiration. Wenn man anscheinend unparteiischen Berichten glaubt, kultiviert sie an der Front Brutalität aus Heroismus, und sie treibt diesen bis an die extreme Grenze dessen, was man mit Mut erreichen kann. Wir können der Welt nicht zeigen, dass wir mehr wert sind als unsere Feinde, indem wir ihren Grad an Mut übertreffen, denn das ist nicht möglich, was das Ausmaß betrifft. Aber wir können und müssen zeigen, dass wir eine andere Art von Mut besitzen, der anspruchsvoller ist und seltener. Der ihre ist von einer brutalen und niedrigen Art, er geht aus dem Willen zur Macht und Zerstörung hervor. Da unsere Ziele von den ihren verschieden sind, ist unser Mut auch das Resultat einer ganz anderen Eingebung.

Kein Symbol kann unsere Eingebung besser zum Ausdruck bringen als die hier vorgestellte weibliche Einheit. Die einfache Beharrlichkeit einiger humanitärer Dienste sogar im Zentrum des Gefechts, am Höhepunkt der Verrohung, wäre eine schallende Herausforderung jener Verrohung, die der Feind gewählt hat und die er uns aufdrängt. Die Herausforderung wäre umso offensichtlicher, als diese humanitären Dienste von Frauen vollbracht und von mütterlicher Zärtlichkeit umhüllt wären. Tatsächlich gäbe es nur eine Hand voll solcher Frauen, und die Zahl der Soldaten, um die sich kümmern könnten, wäre verhältnismäßig klein, aber die moralische Wirkkraft eines Symbols hängt nicht von der Quantität ab.

Mut, der nicht durch den Willen zu töten angeheizt wird, der im Moment größter Gefahr das fortgesetzte Schauspiel der Verwundungen und Todeskämpfe unterstützt, ist gewiß von einer selteneren Qualität als jener der fanatisierten jungen SSler.
Eine kleine Gruppe von Frauen, die Tag für Tag Mut dieser Art zeigen, wäre ein derart neuer Anblick, derart bezeichnend und von einer derart klaren Bedeutung, dass er die Phantasie mehr beeindrucken würde, als das bisher die verschiedenen von Hitler erdachten Verfahren getan haben. Hitler allein hat bisher die Phantasie der Massen in Beschlag genommen. Man müsste diese jetzt stärker bewegen als er. Dieses weibliche Korps bildete zweifellos eines der Verfahren, die dazu geeignet wären, dies zu erreichen.

Obschon aus unbewaffneten Frauen zusammengesetzt, würde dieses Korps zweifellos Eindruck auf die feindlichen Soldaten machen, und zwar in dem Sinne, dass die Anwesenheit der Frauen und ihre Auftreten auf eine neue Weise die Reichweite unserer moralischen Ressourcen und unserer Entschlossenheit spürbar machen würden.
Das Bestehen dieses weiblichen Korps würde keinen geringen Eindruck auf die Öffentlichkeit im allgemeinen machen, in den Ländern, die am Kampf teilnehmen, und in denen, die uns unterstützen. Seine symbolische Tragweite würde überall begriffen werden. Dieses Korps einerseits und die SS andererseits würden durch ihren Gegensatz ein Bild bieten, das jeder Parole vorzuziehen wäre. Das wäre die offenkundigste Darstellung der zwei Richtungen, zwischen denen sich die Menschheit heute entscheiden muss. Noch größer wäre zweifellos der auf unsere Soldaten ausgeübte Eindruck. Die feindlichen Soldaten haben, von einem rein militärischen Standpunkt aus, die Überlegenheit, ihren Familien entrissen und seit zehn Jahren zum Krieg ausgebildet worden zu sein. Eine Veränderung ihres Umfelds verwirrt sie nicht. Sie haben sozusagen niemals ein anderes Umfeld gekannt. Der Wert eines Heimes ist ihnen unbekannt. Sie haben nie etwas anderes als Gewalt, Zerstörung und Eroberung eingeatmet. Dieser Krieg, wie hart er auch sein mag, bedeutet für sie kein Entrissensein, sondern eine Fortsetzung und eine Erfüllung.

Für die französischen, englischen, amerikanischen jungen Männer bedeutet er Entrissensein. Sie haben stets in einem friedlichen Heim gelebt haben und begehren schlicht, es wiederzufinden, nachdem sie dessen Fortbestand durch den Sieg gesichert haben.
Das angreifende Land zieht immer mit einem beträchtlichen moralischen Vorteil los, schließlich wurde der Angriff vorbereitet und vorausgeplant. Die jungen Männer unserer Länder sind aus ihrem wirklichen Leben durch den deutschen Angriff herausgerissen und brutal in ein Umfeld befördert worden, das nicht das ihre ist, vielmehr das ihrer Feinde. Um ihre Heimstätten zu verteidigen, müssen sie damit beginnen, sie zu verlassen und fast zu vergessen, da sie sich an Orten aufhalten, wo sie nichts finden, was sie daran erinnert. Die Kriegsumgebung hindert sie daran, den Beweggrund für den Kampf im Denken gewärtig zu halten. Der Angreifer erlebt genau das Gegenteil. Es ist also nicht erstaunlich, dass der Angreifer mehr Tatkraft besitzt.

Deswegen trifft die Tatkraft des Angreifers nur dann auf eine in gleichem Maße intensive Tatkraft, wenn jene, die sich verteidigen, sich zuhause befinden, in der Nähe ihrer Heimstätten, und aus Furcht, diese zu verlieren, fast verzweifeln.

Es ist weder möglich noch wünschenswert, unsere Soldaten in junge fanatische Bestien zu verwandeln, ähnlich den jungen Hitleranhängern. Doch kann man ihre Tatkraft auf ein Maximum steigern, indem man in ihrem Denken die Heimstätten, die sie verteidigen, so intensiv wie möglich vergegenwärtigt. Was wäre dazu besser, als sie bis ins Gefecht, bis zu den Schauplätzen der größten Brutalität, von etwas begleiten zu lassen, das ihnen eine lebendige Erinnerung der Heimstätten schafft, die sie verlassen mussten, eine nicht nur bewegende, sondern auch erhebende Erinnerung? In keinem Moment hätten sie dann den deprimierenden Eindruck, von all jenen, die sie lieben, getrennt zu sein.

Dieses weibliche Korps würde genau diese konkrete und begeisternde Erinnerung an die fernen Heimstätten aufrechterhalten. Die alten Germanen, jene halb-nomadischen Volksstämme, welche die römischen Armeen nie unterjochen konnten, hatten den begeisternden Charakter weiblicher Präsenz im härtesten Gefecht erkannt. Sie hatten den Brauch, ein junges Mädchen, von der Elite der jungen Krieger umgeben, an sie vorderste Front zu stellen.

Heutzutage finden es auch die Russen, sagt man, vorteilhaft, Frauen bis in die Kampflinien hinein dienen zu lassen.
Die Mitglieder dieses weiblichen Korps könnten nach Bedarf Dienste aller Art leisten, über die Versorgung der Verwundeten hinaus. In den kritischsten Augenblicken, wenn die Offiziere und Unteroffiziere von der Vielzahl der zu erledigenden Aufgaben überrollt werden, würde ihnen, abgesehen von der Waffenführung, die natürliche Unterstützung der Frauen in allen Arbeiten zuteil, in allem, was mit Zusammenführung, Sammeln und der Weitergabe von Befehlen zu tun hat. Angenommen sie bewahrten kaltes Blut, würde ihr Geschlecht in solchen Momenten aus ihnen Instrumente großer Wirkkraft machen. Zweifellos wird man sie mit Sorgfalt auszuwählen haben. Frauen laufen immer Gefahr einen Störfaktor zu bilden, wenn sie nicht ein Quantum an kaltblütiger und männlicher Entschlossenheit besitzen, die sie daran hindert, ihre Rolle zu vergessen, egal in welcher Situation sie sich auch befinden mögen. Diese kaltblütige Entschlossenheit ist in einem Menschen selten mit der Zärtlichkeit vereint, die es braucht, um im Angesicht des Schmerzes und des Todeskampfs Trost spenden zu können. Aber obwohl dies selten sein mag, ist es nicht unauffindbar.

Eine Frau kann nur dann den Willen aufbringen, sich für die hier skizzierte Tätigkeit anzubieten, wenn sie gleichzeitig diese Zärtlichkeit und diese kaltblütige Entschlossenheit besitzt, oder wenn sie wenig ausgeglichen ist. Aber jene, für die Letzteres gilt, wären leicht noch vor dem Zeitpunkt des Einsatzes im Gefecht abzulehnen.
Anfangs würde es genügen, zehn Frauen zu finden, die einer solchen Aufgabe wirklich fähig sind. Diese Frauen gibt es bestimmt. Es ist einfach sie zu finden.
Mir scheint es unmöglich, eine andere Art und Weise zu finden, diese wenigen Frauen so wirkungsvoll einzusetzen wie in einer solchen Einheit. Und unser Kampf ist derart hart, derart lebenswichtig, dass man für ihn soweit als möglich jedes menschliche Wesen mit maximaler Effizienz einsetzen muss.

Addendum. - Hier ein Auszug aus dem Bulletin of the American College of Surgeons vom April 1942:
"Die sofortige Anwendung von einfachen prophylaktischen oder therapeutischen Verfahren kann oftmals den Schock dort verhindern oder den milden Schock verwinden helfen, wo die Anwendung aller derzeit bekannten Methoden sich als vergeblich erweisen kann, wenn der Schock lange angedauert hat." Laut amerikanischem Roten Kreuz verursachen "shock", "exposure" und Blutverlust, Dinge, die man nur durch sofortige Versorgung heilen kann, verhältnismäßig die meisten Todesfälle im Gefecht.
Das amerikanische Rote Kreuz hat ein System von Plasmainjektionen entwickelt, das auf dem Schlachtfeld im Fall von Schock, Verbrennungen und Blutverlust eingesetzt werden kann.

Simone Weil, 1942
Übersetzung: Catharine Eibl; CM Jansa