"Optionen, nicht Manipulationen ..."


"Was ist überhaupt noch Natur in unserem Leben? Unsere Arbeit ist ebenso verkünstelt wie unser Vergnügen; wir kommen verkünstelt auf die Welt, und nach unserem Tode können wir auch wieder ein Kunstprodukt aus uns bereiten lassen: Kunstdünger oder Mumien; wir können uns zu Mineralien verdichten oder zu ätherischen Destillationsprodukten verflüchtigen lassen."
Max Haushofer, Planetenfeuer (1899)


"Die biologische Kontrolle des Menschen, besonders die genetische, wirft ethische Fragen völlig neuer Art auf, für die uns weder frühere Praxis noch früheres Denken vorbereitet hat. Da nicht weniger als die Natur des Menschen in den Machtbereich menschlicher Eingriffe gerät, wird Vorsicht zum ersten sittlichen Gebot und hypothetisches Durchdenken unsere erste Aufgabe. Die Folgen vor dem Handeln zu bedenken, ist nicht mehr als gewöhnliche Klugheit."
Hans Jonas, Technik, Medizin und Ethik (1987)



Am 33. März 1954 war in der Süddeutschen Zeitung unter "Lohengrin in der Ampulle" zu lesen, bereits zwanzig Prozent des Rindernachwuchses gingen aus künstlicher Befruchtung hervor: "BHS-Bullen sind ,hohe Tiere', hören auf klassisch-romantische Namen wie ‚Achilles, Pluto, Lohengrin ...', tummeln sich wohlgenährt in komfortablen Ställen oder auf saftigen Weideplätzen. Zwei bis dreiwöchentlich wird ihnen das Erbgut abgenommen und nach mikroskopischer Untersuchung und Immunisierung in Glasröhrchen versandbereit gemacht. Auf Bestellungen von Bauern hin, die der Tierarzt an die Zentrale weitergibt, trifft dann bei diesem ein ‚großer Kasten' ein: ‚Anbei erhalten Sie zweimal 5 ccm ,Lohengrin', E [Ejakulat] Nr. 265, Tag der Entnahme: 27.2.54.'"

Diesen Zeitungsbericht zitierte Hedwig Conrad-Martius in ihrem Buch Utopien der Menschenzüchtung (1955), in dem sie sich mit frühen Eugenikern wie Alfred Ploetz beschäftigte. Conrad-Martius merkte an, es sei keinesfalls Sentimentalität, wenn es uns kalt überlaufe bei dem Gedanken an eine "weithin verwirklichte Übertragungsmöglichkeit dieser züchterischen Methoden auf den Menschen." Dies laufe auf eine grundsätzliche Trennung des Geschlechtsverkehrs von der Zeugung hinaus. Wenige Jahre zuvor schrieb der Architekt Sigfried Giedion in seinem Standardwerk Die Herrschaft der Mechanisierung (1948), mit der künstlichen Befruchtung in der Tierhaltung sei ein gefährlicher Punkt erreicht, werde so die Zeugung doch zu einem mechanisierbaren Vorgang: "Die Mechanisierung hat vor der lebenden Substanz haltzumachen. Eine neue Einstellung ist erforderlich, wenn hier an die Stelle von Verwüstung und Raubbau wirkliche Meisterung der Natur treten soll."

Kinder werden heute geplant. Dank Pille oder anderer Verhütungsmittel ist dies möglich. Die Trennung von Sexualität und Fortpflanzung ist ebenso selbstverständlich wie die künstliche Befruchtung, die Sterilisation als Verhütungsmethode oder die Möglichkeit, lange vor der Geburt eine Behinderung festzustellen. Dachten Giedion und Conrad-Martius noch an die künstliche Befruchtung, so ist es heute möglich, Eizellen zu gewinnen, in-vitro zu befruchten und gegebenenfalls auch auf andere Frauen zu übertragen, unter Umständen gar Jahrzehnte später. Es ist denkbar, dass die Enkelin ein Kind ihrer Großmutter austrägt, die möglicherweise schon lange gestorben ist. Conrad-Martius' Befürchtungen sind längst Realität. Tatsächlich hat sich die Tier-, insbesondere die Rinderhaltung, als das große Experimentierfeld für den Humanbereich erwiesen, und dies nicht allein, was die Reproduktionsmedizin betrifft. Austragemütter (surrogates) kommen in der Rinderzucht seit Jahrzehnten mit Erfolg zur Anwendung. In der Tierzucht werden heute viele Verfahren angewandt, die bislang noch nicht oder nur ansatzweise auf den Humanbereich übergeschwappt sind, von denen aber anzunehmen ist, dass sie über kurz oder lang Eingang in den Humanbereich finden werden.

Es lohnt sich heute wieder Günther Anders zu lesen. Seine vor einem halben Jahrhundert formulierte Behauptung, wonach die Technik zu einem Subjekt der Geschichte geworden sei, ist angesichts heutiger Reproduktionsmedizin und Humangenetik von großer Aktualität. Anders hält das Gekonnte nicht nur für das Gesollte, sondern das Gesollte für das Unvermeidliche. Für ihn droht die Biotechnologie den Menschen zu einem Produkt zu machen, welches ähnlich Konsumgütern bereits überholt ist, wird es ausgeliefert oder geboren. "Ausliefern" meint nicht allein den Transport von Waren zum Endverbraucher, sondern auch "dem Tod preisgeben". Ein mit Hilfe der Biotechnologie produzierter Mensch wird vor allem ein mangelhaftes Produkt sein, selbst dann, verdankt er seine Existenz geprüftem und "hochwertigem" Ermaterial. Er wird im Wissen leben müssen, dass nachfolgende Generationen (Serien) mit glänzenderen Brusthaaren, größeren Brüsten, leistungsfähigeren Gehirnen, mit einer höheren Toleranz gegen radioaktive Stoffe, mit geringerer Allergieneigung und so fort ausgestattet sein werden. Reproduktionsmedizin und Humangenetik versprechen einen schönen, gesunden und störungsfreien Menschen, dabei gerät dieser in die Verwandtschaft zu Staubsaugern, Autos oder anderen trivialen Konsumgegenständen. Die Eugenikbefürworter des frühen zwanzigsten Jahrhunderts plädierten durchwegs für das Recht auf einen medikalisierten, schmerzfreien und sanften Tod. Ist der Beginn des Lebens biotechnisch organisiert, dann wird zwangsläufig auch der Tod neu definiert.

Freilich, die sich heute abzeichnende neue Eugenik hat nichts mehr mit den Vorstellungen und Praktiken der ersten Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts gemein. In einer Zeit, in der sich der Staat aus vielen Bereichen gesellschaftlichen Lebens zurückzieht, sind staatliche Zwangsprogramme nicht zu befürchten. Kategorien wie "Rasse", "Volk" etc. sind nicht mehr mehrheitsfähig. "Mutterschaft als Dienst an Volk oder Staat", solche Vorstellungen lösten heute größtes Befremden aus. Es ist undenkbar, Eheverbote, gar die Tötung behinderter Kinder zu fordern. Und dennoch ist nicht zu übersehen, dass wir es mit einer neuen eugenischen Praxis zu tun haben. Die Problematik von Eizellspenden (Egg Donation) macht dies besonders deutlich. Ethnische Zugehörigkeit, Erbkrankheiten, Straffälligkeit spielen wie anderes auch hier eine wichtige Rolle. Der entscheidende Unterschied findet sich dort, wo diese neue Eugenik durch den Markt bestimmt wird. Neue Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin und Humangenetik setzen sich dank der Nachfrage einer aufnahmebereiten Öffentlichkeit durch.

Gibt es die Möglichkeit, das Geschlecht eines Kindes zu bestimmen (das Verfahren ist erstaunlich einfach), dann wird dies über kurz oder lang auch gemacht werden. Zweifellos werden sich zu jenen Defekten, die sich heute mit Hilfe von Pränatal- bzw. Präimplantationsdiagnostik bestimmen lassen, weitere hinzufügen. Barbara Duden: "Noch vor kurzem war die Fahndung nach ‚chromosomalen Aberrationen des Fötus' auf Frauen beschränkt, die nach 35 schwanger wurden. Aber im Laufe des letzten Jahrzehnts hat sich das geändert: Aus der Angst vor dem behinderten Kind wurde ein ‚Anspruch auf's Qualitätskind'." Zweifellos sind alle von Ethikkommissionen und Parlamenten festgelegten Grenzziehungen als vorläufig, keinesfalls als endgültig zu sehen. Zahllose Präzedenzfälle werden dazu beitragen, einmal gezogene Grenzziehungen aufzuweichen wie etwa Diskussionen um so genannte "Medikamentenbabys" zeigen.

Wie sehr sich die Einstellung der Öffentlichkeit zu den Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin in den letzten Jahrzehnten geändert hat, belegt folgender Text von Carl Djerassi, der sich kürzlich kommentarlos in einer an Frauen gerichteten Broschüre des Amtes der Tiroler Landesregierung abgedruckt fand. Carl Djerassi bemüht nicht zufällig, den untätigen, hilflosen, also unbrauchbaren Gott: "Optionen! Nicht Manipulation ... 1977 kam es in England weltweit zur ersten Invitrofertilisation. Seit damals gibt es nun schon über eine Million Babys, die unter dem Mikroskop gezeugt wurden. Grund dafür waren oft Fruchtbarkeitsprobleme der Eltern. In Hinkunft aber, so bin ich überzeugt, werden vermehrt auch fruchtbare Paare anfangen, ihre Kinder auf diese Weise zu bekommen. Die größte Veränderung in den letzten 50 Jahren war die Veränderung der gesellschaftlichen Situation der Frau. Nicht länger wollen Frauen in ihrer Lebensplanung vor die Wahl zwischen Fruchtbarkeit und Mutterrolle einerseits und einer erfolgreichen Berufskarriere andererseits gestellt werden. Männer sahen sich ja noch nie mit dieser Entscheidung konfrontiert. Die Frau von heute will zu Recht ihre Ausbildung beenden und beruflich Erfolg haben. Das bringt mit sich, dass das Kinderbekommen auf einen späteren Zeitpunkt verschoben wird - in die Mitte der dreißiger oder gar noch in die vierziger Jahre. Da kann es dann natürlich zu Schwierigkeiten kommen. So ist es für mich klar absehbar, dass immer mehr Frauen in Hinkunft Vorsorge treffen werden und in jungen Jahren fruchtbare Eizellen einfrieren lassen. Auf diese Weise haben sie die Gewissheit, auch später noch ein Kind bekommen zu können. Aber darf denn der Mensch Gott spielen? Die einzige Antwort, die ich geben kann - denn teilweise stimmt das natürlich -, lautet, dass wir schon sehr lange Gott spielen und das auch weiterhin tun werden. Vor 100 Jahren noch lag die Lebenserwartung bei 40. Was ist passiert? Hat Gott in den letzten 100 Jahren da irgend etwas verändert? Nein, es war die Medizin. Es können heute Krankheiten behandelt und geheilt werden, an denen die Menschen früher ganz sicher gestorben sind. Das ist doch auch ein ‚Gott spielen'. Wo will man dann die Grenze ziehen? Statt von Manipulation sollte man hier besser von Optionen sprechen. Und das muss wirklich ein Entschluss der individuellen Person sein."

Optionen, nicht Manipulationen ... Natürlich handelt es sich um eine Manipulation, werden Eizellen oder Embryonen ausgewählt, aussortiert, implantiert, transferiert, in flüssigem Stickstoff vorrätig gehalten und so fort. Entscheidender ist die Vorstellung, wir hätten es mit Wahlmöglichkeiten, also mit Optionen zu tun. Solche Wahlmöglichkeiten gibt es in höchst beschränktem Ausmaß. Die heutige Medizin zeigt sehr gut wie schwer es für Patienten sein kann, Untersuchungen abzulehnen. Diesbezüglich geraten Patienten schnell in den Verdacht mangelnder Compliance. Wer sich nicht fügt, ist selbst verantwortlich, macht sich letztlich schuldig. Über kurz oder lang werden Krankenkassen nicht mehr für die Behandlungskosten behinderter Kinder aufkommen, deren Eltern bestimmte Untersuchungen unterlassen und verweigert haben. Die schöne neue Welt droht sich endgültig in eine große Sortieranstalt zu verwandeln, in der jeder ständig zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten zu wählen hat, dabei aber selbst zu einem Objekt des Sortierens durch andere zu werden droht, eine Welt mit dem Versprechen eines irdischen Paradieses, in der aber jeder bereits mit dem Kainsmal des Abfalls geboren wird.

Letztlich wissen wir sehr wenig, welche Konsequenzen die Biotechnologie und damit auch die Reproduktionsmedizin auf Mensch und Gesellschaft haben werden. Aus diesem Grund scheint es mir geboten, modellhaft Möglichkeiten durchzuspielen, also Fragen zu stellen, die weder von Experten, noch in politischen oder medialen Diskursen formuliert werden. Darum bemüht sich dieses Projekt.

Als Beispiel sei etwa ein fiktiver Werbefolder genannt, der sich an potentielle Austragemütter richtet. Vermutlich wird es in absehbarer Zeit kaum jemand noch anstößig finden, wird man jungen arbeitslosen Frauen aus unteren Einkommensschichten in privaten oder staatlich organisierten Jobagenturen Folder in die Hand drücken, in denen um Austragemütter geworben wird: vierzehn Monate gut bezahlt (Vorbereitungs- und Regenerationszeit eingeschlossen), kranken- und pensionsversichert, Ausbildung nicht erforderlich. Auf den Abbildungen solcher Folder werden freundliche und gut gekleidete Beraterinnen in sauberen Räumen zu sehen sein, die Gesichter junger Frauen, die in Untertiteln behaupten, sie hätten nicht nur gut verdient, sie hätten eine bereichernde Erfahrung gemacht. Das Austragen von Kindern anderer als Job ist eine durchaus realistische Variante. Das ist bereits in einer Gesellschaft angelegt, die nach den Regeln des Marktes organisiert ist.

Die Vorstellung, Kinder in der Retorte heranzuzüchten, hat sich entgegen aller Vorhersagen bislang nicht behauptet. Wie sollte es auch möglich sein, ein so komplexes Organ wie die Gebärmutter nachzubilden? Warum sollte dies ökonomisch sinnvoll sein, lassen sich doch in absehbarer Zeit genügend junge Frauen finden, die gegen entsprechende finanzielle Anreize diesbezügliche Funktionen übernehmen. Sie werden sich aus den untersten Schichten der Gesellschaft rekrutieren. Unterschiedlichste Dienstleistungsbetriebe werden sich auf die Rekrutierung von Austragemüttern, ihre Betreuung und Kontrolle, auf die Embryonenproduktion wie den Embryonentransfer bis hin zu den damit verbundenen rechtlichen Fragen spezialisieren. Womöglich wird es gesetzliche Regelungen geben, in denen (Mindest)-Rechte und Pflichten von Austragemüttern festgehalten sind. Neben all den damit verbundenen Unschärfen wird freilich noch längere Zeit unklar bleiben, für welche Leistung Austragemütter abgegolten werden. Lässt sich das Austragen einer Schwangerschaft als Arbeit bezeichnen? Was wird bezahlt? Der Verschleiß des Körpers? Der Verzicht auf ein eigenes Kind? Sich vielfältigsten medizinischen Untersuchungen zu unterwerfen, sich auch schmerzhaften Eingriffen unterziehen zu müssen? Dafür, zwar ein Kind geboren zu haben, dieses aber nicht das eigene nennen zu dürfen? Wer es sich leisten kann, wird die Dienste von Austragemüttern in Anspruch nehmen. So wird weder der Körper verunstaltet, noch die Karriere durch eine Schwangerschaft unnötig unterbrochen.

Übrigens ist dieser Folder näher an der Wirklichkeit als es auf den ersten Blick zu sein scheint. In seiner Ästhetik lehnt er sich eng an Textsorten einschlägiger "Leihmütter-Agenturen" an. Die jungen Frauen, die als Austragemütter Modell standen, nahmen zur Zeit der Aufnahme an einem Wiedereinstiegskurs teil. Es war klar, dass sie zur Gruppe jener Frauen zählen, die in zwanzig oder dreißig Jahren als Austragemütter angeworben werden könnten. Die Betreuerin dieser Frauen spielte die Beraterin des fiktiven Unternehmens REPRO TECH ZWEI. Selbstverständlich wurde den jungen Frauen erklärt, wofür sie Modell standen. Sie wurden bezahlt. Mit den Frauen wurde ein Vertrag abgeschlossen. In diesem Zusammengang entstehen allmählich auch andere Textsorten, so etwa ein "Selektionsfragebogen", Gutachten oder ähnliches.

Zuchtmütter, die von mir beschrieben werden, wird es wohl kaum geben, auch nicht Ornate und alles was damit zusammenhängt. Dagegen sprechen allein absehbare Entwicklungen der Reproduktionsmedizin. Das Entscheidende liegt ja nicht darin, ob man die Zukunft richtig vorhersagt. Das ist ohnehin müßig, weil wir dies schlicht nicht vermögen. Das Entscheidende findet sich dort, wo man Fragen stellt, die in der Gegenwart gestellt werden müssen. Und solche Fragen müssen erst erarbeitet werden. Sie müssen es, weil sie sich in der Menschheitsgeschichte so noch nie gestellt haben. So betrachtet, haben sich die vielen Entwürfe für Ornate auf jeden Fall gelohnt. Das eigentliche Produkt findet sich denn auch nicht in Entwürfen (die es zu kaufen gibt), sondern in Fragen, die sich während der Arbeit gestellt haben.
Bernhard Kathan


[ Brauchen Zuchtmütter Ornate? ]