Am 33. März 1954 war in der Süddeutschen Zeitung unter "Lohengrin in der
Ampulle" zu lesen, bereits zwanzig Prozent des Rindernachwuchses gingen aus
künstlicher Befruchtung hervor: "BHS-Bullen sind ,hohe Tiere', hören auf
klassisch-romantische Namen wie ‚Achilles, Pluto, Lohengrin ...', tummeln
sich wohlgenährt in komfortablen Ställen oder auf saftigen Weideplätzen.
Zwei bis dreiwöchentlich wird ihnen das Erbgut abgenommen und nach
mikroskopischer Untersuchung und Immunisierung in Glasröhrchen versandbereit
gemacht. Auf Bestellungen von Bauern hin, die der Tierarzt an die Zentrale
weitergibt, trifft dann bei diesem ein ‚großer Kasten' ein: ‚Anbei erhalten
Sie zweimal 5 ccm ,Lohengrin', E [Ejakulat] Nr. 265, Tag der Entnahme:
27.2.54.'"
Diesen Zeitungsbericht zitierte Hedwig Conrad-Martius in ihrem Buch Utopien
der Menschenzüchtung (1955), in dem sie sich mit frühen Eugenikern wie
Alfred Ploetz beschäftigte. Conrad-Martius merkte an, es sei keinesfalls
Sentimentalität, wenn es uns kalt überlaufe bei dem Gedanken an eine
"weithin verwirklichte Übertragungsmöglichkeit dieser züchterischen Methoden
auf den Menschen." Dies laufe auf eine grundsätzliche Trennung des
Geschlechtsverkehrs von der Zeugung hinaus. Wenige Jahre zuvor schrieb der
Architekt Sigfried Giedion in seinem Standardwerk Die Herrschaft der
Mechanisierung (1948), mit der künstlichen Befruchtung in der Tierhaltung
sei ein gefährlicher Punkt erreicht, werde so die Zeugung doch zu einem
mechanisierbaren Vorgang: "Die Mechanisierung hat vor der lebenden Substanz
haltzumachen. Eine neue Einstellung ist erforderlich, wenn hier an die
Stelle von Verwüstung und Raubbau wirkliche Meisterung der Natur treten
soll."
Kinder werden heute geplant. Dank Pille oder anderer Verhütungsmittel ist
dies möglich. Die Trennung von Sexualität und Fortpflanzung ist ebenso
selbstverständlich wie die künstliche Befruchtung, die Sterilisation als
Verhütungsmethode oder die Möglichkeit, lange vor der Geburt eine
Behinderung festzustellen. Dachten Giedion und Conrad-Martius noch an die
künstliche Befruchtung, so ist es heute möglich, Eizellen zu gewinnen,
in-vitro zu befruchten und gegebenenfalls auch auf andere Frauen zu
übertragen, unter Umständen gar Jahrzehnte später. Es ist denkbar, dass die
Enkelin ein Kind ihrer Großmutter austrägt, die möglicherweise schon lange
gestorben ist. Conrad-Martius' Befürchtungen sind längst Realität.
Tatsächlich hat sich die Tier-, insbesondere die Rinderhaltung, als das
große Experimentierfeld für den Humanbereich erwiesen, und dies nicht
allein, was die Reproduktionsmedizin betrifft. Austragemütter (surrogates)
kommen in der Rinderzucht seit Jahrzehnten mit Erfolg zur Anwendung. In der
Tierzucht werden heute viele Verfahren angewandt, die bislang noch nicht
oder nur ansatzweise auf den Humanbereich übergeschwappt sind, von denen
aber anzunehmen ist, dass sie über kurz oder lang Eingang in den
Humanbereich finden werden.
Es lohnt sich heute wieder Günther Anders zu lesen. Seine vor einem halben
Jahrhundert formulierte Behauptung, wonach die Technik zu einem Subjekt der
Geschichte geworden sei, ist angesichts heutiger Reproduktionsmedizin und
Humangenetik von großer Aktualität. Anders hält das Gekonnte nicht nur für
das Gesollte, sondern das Gesollte für das Unvermeidliche. Für ihn droht die
Biotechnologie den Menschen zu einem Produkt zu machen, welches ähnlich
Konsumgütern bereits überholt ist, wird es ausgeliefert oder geboren.
"Ausliefern" meint nicht allein den Transport von Waren zum Endverbraucher,
sondern auch "dem Tod preisgeben". Ein mit Hilfe der Biotechnologie
produzierter Mensch wird vor allem ein mangelhaftes Produkt sein, selbst
dann, verdankt er seine Existenz geprüftem und "hochwertigem" Ermaterial. Er
wird im Wissen leben müssen, dass nachfolgende Generationen (Serien) mit
glänzenderen Brusthaaren, größeren Brüsten, leistungsfähigeren Gehirnen, mit
einer höheren Toleranz gegen radioaktive Stoffe, mit geringerer
Allergieneigung und so fort ausgestattet sein werden. Reproduktionsmedizin
und Humangenetik versprechen einen schönen, gesunden und störungsfreien
Menschen, dabei gerät dieser in die Verwandtschaft zu Staubsaugern, Autos
oder anderen trivialen Konsumgegenständen. Die Eugenikbefürworter des frühen
zwanzigsten Jahrhunderts plädierten durchwegs für das Recht auf einen
medikalisierten, schmerzfreien und sanften Tod. Ist der Beginn des Lebens
biotechnisch organisiert, dann wird zwangsläufig auch der Tod neu definiert.
Freilich, die sich heute abzeichnende neue Eugenik hat nichts mehr mit den
Vorstellungen und Praktiken der ersten Jahrzehnte des zwanzigsten
Jahrhunderts gemein. In einer Zeit, in der sich der Staat aus vielen
Bereichen gesellschaftlichen Lebens zurückzieht, sind staatliche
Zwangsprogramme nicht zu befürchten. Kategorien wie "Rasse", "Volk" etc.
sind nicht mehr mehrheitsfähig. "Mutterschaft als Dienst an Volk oder
Staat", solche Vorstellungen lösten heute größtes Befremden aus. Es ist
undenkbar, Eheverbote, gar die Tötung behinderter Kinder zu fordern. Und
dennoch ist nicht zu übersehen, dass wir es mit einer neuen eugenischen
Praxis zu tun haben. Die Problematik von Eizellspenden (Egg Donation) macht
dies besonders deutlich. Ethnische Zugehörigkeit, Erbkrankheiten,
Straffälligkeit spielen wie anderes auch hier eine wichtige Rolle. Der
entscheidende Unterschied findet sich dort, wo diese neue Eugenik durch den
Markt bestimmt wird. Neue Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin und
Humangenetik setzen sich dank der Nachfrage einer aufnahmebereiten
Öffentlichkeit durch.
Gibt es die Möglichkeit, das Geschlecht eines Kindes zu bestimmen (das
Verfahren ist erstaunlich einfach), dann wird dies über kurz oder lang auch
gemacht werden. Zweifellos werden sich zu jenen Defekten, die sich heute mit
Hilfe von Pränatal- bzw. Präimplantationsdiagnostik bestimmen lassen,
weitere hinzufügen. Barbara Duden: "Noch vor kurzem war die Fahndung nach
‚chromosomalen Aberrationen des Fötus' auf Frauen beschränkt, die nach 35
schwanger wurden. Aber im Laufe des letzten Jahrzehnts hat sich das
geändert: Aus der Angst vor dem behinderten Kind wurde ein ‚Anspruch auf's
Qualitätskind'." Zweifellos sind alle von Ethikkommissionen und Parlamenten
festgelegten Grenzziehungen als vorläufig, keinesfalls als endgültig zu
sehen. Zahllose Präzedenzfälle werden dazu beitragen, einmal gezogene
Grenzziehungen aufzuweichen wie etwa Diskussionen um so genannte
"Medikamentenbabys" zeigen.
Wie sehr sich die Einstellung der Öffentlichkeit zu den Möglichkeiten der
Reproduktionsmedizin in den letzten Jahrzehnten geändert hat, belegt
folgender Text von Carl Djerassi, der sich kürzlich kommentarlos in einer an
Frauen gerichteten Broschüre des Amtes der Tiroler Landesregierung
abgedruckt fand. Carl Djerassi bemüht nicht zufällig, den untätigen,
hilflosen, also unbrauchbaren Gott: "Optionen! Nicht Manipulation ... 1977
kam es in England weltweit zur ersten Invitrofertilisation. Seit damals gibt
es nun schon über eine Million Babys, die unter dem Mikroskop gezeugt
wurden. Grund dafür waren oft Fruchtbarkeitsprobleme der Eltern. In Hinkunft
aber, so bin ich überzeugt, werden vermehrt auch fruchtbare Paare anfangen,
ihre Kinder auf diese Weise zu bekommen. Die größte Veränderung in den
letzten 50 Jahren war die Veränderung der gesellschaftlichen Situation der
Frau. Nicht länger wollen Frauen in ihrer Lebensplanung vor die Wahl
zwischen Fruchtbarkeit und Mutterrolle einerseits und einer erfolgreichen
Berufskarriere andererseits gestellt werden. Männer sahen sich ja noch nie
mit dieser Entscheidung konfrontiert. Die Frau von heute will zu Recht ihre
Ausbildung beenden und beruflich Erfolg haben. Das bringt mit sich, dass das
Kinderbekommen auf einen späteren Zeitpunkt verschoben wird - in die Mitte
der dreißiger oder gar noch in die vierziger Jahre. Da kann es dann
natürlich zu Schwierigkeiten kommen. So ist es für mich klar absehbar, dass
immer mehr Frauen in Hinkunft Vorsorge treffen werden und in jungen Jahren
fruchtbare Eizellen einfrieren lassen. Auf diese Weise haben sie die
Gewissheit, auch später noch ein Kind bekommen zu können. Aber darf denn der
Mensch Gott spielen? Die einzige Antwort, die ich geben kann - denn
teilweise stimmt das natürlich -, lautet, dass wir schon sehr lange Gott
spielen und das auch weiterhin tun werden. Vor 100 Jahren noch lag die
Lebenserwartung bei 40. Was ist passiert? Hat Gott in den letzten 100 Jahren
da irgend etwas verändert? Nein, es war die Medizin. Es können heute
Krankheiten behandelt und geheilt werden, an denen die Menschen früher ganz
sicher gestorben sind. Das ist doch auch ein ‚Gott spielen'. Wo will man
dann die Grenze ziehen? Statt von Manipulation sollte man hier besser von
Optionen sprechen. Und das muss wirklich ein Entschluss der individuellen
Person sein."
Optionen, nicht Manipulationen ... Natürlich handelt es sich um eine
Manipulation, werden Eizellen oder Embryonen ausgewählt, aussortiert,
implantiert, transferiert, in flüssigem Stickstoff vorrätig gehalten und so
fort. Entscheidender ist die Vorstellung, wir hätten es mit
Wahlmöglichkeiten, also mit Optionen zu tun. Solche Wahlmöglichkeiten gibt
es in höchst beschränktem Ausmaß. Die heutige Medizin zeigt sehr gut wie
schwer es für Patienten sein kann, Untersuchungen abzulehnen. Diesbezüglich
geraten Patienten schnell in den Verdacht mangelnder Compliance. Wer sich
nicht fügt, ist selbst verantwortlich, macht sich letztlich schuldig. Über
kurz oder lang werden Krankenkassen nicht mehr für die Behandlungskosten
behinderter Kinder aufkommen, deren Eltern bestimmte Untersuchungen
unterlassen und verweigert haben. Die schöne neue Welt droht sich endgültig
in eine große Sortieranstalt zu verwandeln, in der jeder ständig zwischen
unterschiedlichen Möglichkeiten zu wählen hat, dabei aber selbst zu einem
Objekt des Sortierens durch andere zu werden droht, eine Welt mit dem
Versprechen eines irdischen Paradieses, in der aber jeder bereits mit dem
Kainsmal des Abfalls geboren wird.
Letztlich wissen wir sehr wenig, welche Konsequenzen die Biotechnologie und
damit auch die Reproduktionsmedizin auf Mensch und Gesellschaft haben
werden. Aus diesem Grund scheint es mir geboten, modellhaft Möglichkeiten
durchzuspielen, also Fragen zu stellen, die weder von Experten, noch in
politischen oder medialen Diskursen formuliert werden. Darum bemüht sich
dieses Projekt.
Als Beispiel sei etwa ein fiktiver Werbefolder genannt, der sich an
potentielle Austragemütter richtet. Vermutlich wird es in absehbarer Zeit
kaum jemand noch anstößig finden, wird man jungen arbeitslosen Frauen aus
unteren Einkommensschichten in privaten oder staatlich organisierten
Jobagenturen Folder in die Hand drücken, in denen um Austragemütter geworben
wird: vierzehn Monate gut bezahlt (Vorbereitungs- und Regenerationszeit
eingeschlossen), kranken- und pensionsversichert, Ausbildung nicht
erforderlich. Auf den Abbildungen solcher Folder werden freundliche und gut
gekleidete Beraterinnen in sauberen Räumen zu sehen sein, die Gesichter
junger Frauen, die in Untertiteln behaupten, sie hätten nicht nur gut
verdient, sie hätten eine bereichernde Erfahrung gemacht. Das Austragen von
Kindern anderer als Job ist eine durchaus realistische Variante. Das ist
bereits in einer Gesellschaft angelegt, die nach den Regeln des Marktes
organisiert ist.
Die Vorstellung, Kinder in der Retorte heranzuzüchten, hat sich entgegen
aller Vorhersagen bislang nicht behauptet. Wie sollte es auch möglich sein,
ein so komplexes Organ wie die Gebärmutter nachzubilden? Warum sollte dies
ökonomisch sinnvoll sein, lassen sich doch in absehbarer Zeit genügend junge
Frauen finden, die gegen entsprechende finanzielle Anreize diesbezügliche
Funktionen übernehmen. Sie werden sich aus den untersten Schichten der
Gesellschaft rekrutieren. Unterschiedlichste Dienstleistungsbetriebe werden
sich auf die Rekrutierung von Austragemüttern, ihre Betreuung und Kontrolle,
auf die Embryonenproduktion wie den Embryonentransfer bis hin zu den damit
verbundenen rechtlichen Fragen spezialisieren. Womöglich wird es gesetzliche
Regelungen geben, in denen (Mindest)-Rechte und Pflichten von
Austragemüttern festgehalten sind. Neben all den damit verbundenen
Unschärfen wird freilich noch längere Zeit unklar bleiben, für welche
Leistung Austragemütter abgegolten werden. Lässt sich das Austragen einer
Schwangerschaft als Arbeit bezeichnen? Was wird bezahlt? Der Verschleiß des
Körpers? Der Verzicht auf ein eigenes Kind? Sich vielfältigsten
medizinischen Untersuchungen zu unterwerfen, sich auch schmerzhaften
Eingriffen unterziehen zu müssen? Dafür, zwar ein Kind geboren zu haben,
dieses aber nicht das eigene nennen zu dürfen? Wer es sich leisten kann,
wird die Dienste von Austragemüttern in Anspruch nehmen. So wird weder der
Körper verunstaltet, noch die Karriere durch eine Schwangerschaft unnötig
unterbrochen.
Übrigens ist dieser Folder näher an der Wirklichkeit als es auf den ersten
Blick zu sein scheint. In seiner Ästhetik lehnt er sich eng an Textsorten
einschlägiger "Leihmütter-Agenturen" an. Die jungen Frauen, die als
Austragemütter Modell standen, nahmen zur Zeit der Aufnahme an einem
Wiedereinstiegskurs teil. Es war klar, dass sie zur Gruppe jener Frauen
zählen, die in zwanzig oder dreißig Jahren als Austragemütter angeworben
werden könnten. Die Betreuerin dieser Frauen spielte die Beraterin des
fiktiven Unternehmens REPRO TECH ZWEI. Selbstverständlich wurde den jungen
Frauen erklärt, wofür sie Modell standen. Sie wurden bezahlt. Mit den Frauen
wurde ein Vertrag abgeschlossen. In diesem Zusammengang entstehen allmählich
auch andere Textsorten, so etwa ein "Selektionsfragebogen", Gutachten oder
ähnliches.
Zuchtmütter, die von mir beschrieben werden, wird es wohl kaum geben, auch
nicht Ornate und alles was damit zusammenhängt. Dagegen sprechen allein
absehbare Entwicklungen der Reproduktionsmedizin. Das Entscheidende liegt ja
nicht darin, ob man die Zukunft richtig vorhersagt. Das ist ohnehin müßig,
weil wir dies schlicht nicht vermögen. Das Entscheidende findet sich dort,
wo man Fragen stellt, die in der Gegenwart gestellt werden müssen. Und
solche Fragen müssen erst erarbeitet werden. Sie müssen es, weil sie sich in
der Menschheitsgeschichte so noch nie gestellt haben. So betrachtet, haben
sich die vielen Entwürfe für Ornate auf jeden Fall gelohnt. Das eigentliche
Produkt findet sich denn auch nicht in Entwürfen (die es zu kaufen gibt),
sondern in Fragen, die sich während der Arbeit gestellt haben.
Bernhard Kathan