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Fußnotenapparat zu Franz Dodels Projekt
"I'm not alone"




Die Umkehrbarkeit der Gabe durch die Gegengabe, die Umkehrbarkeit des Tauschs durch das Opfer, die Umkehrbarkeit der Zeit durch den Zyklus, die Umkehrbarkeit der Produktion durch die Destruktion, die Umkehrbarkeit des Lebens durch den Tod, die Umkehrbarkeit jedes sprachlichen Ausdrucks und Werts durch das Anagramm: eine einzige große Form, die gleiche in allen Bereichen, die der Umkehrbarkeit, der zyklischen Umkehrung, der Annullierung - jene, die überall der Linearität der Zeit ein Ende setzt, der der Rede, der des ökonomischen Tauschs und der Akkumulation, der der Macht. Überall nimmt sie für uns die Form der Vernichtung und des Todes an. Es ist die Form des Symbolischen selbst. Weder mystisch noch struktural: unausweichlich.
Jean Baudrillard, Der symbolische Tausch und der Tod


Täglich, nun seit mehr als zehn Jahren, notiert Franz Dodel um dieselbe Tageszeit Namen von Lebenden und Toten, die ihm in den Sinn kommen, ausgenommen den Namen seiner Frau. Notiert werden nur Personen, die der Autor persönlich kennt. In der linken Spalte sind die Lebenden aufgelistet, in der rechten die Toten. Im Laufe der Zeit wandern einzelne von der linken auf die rechte Seite. Genannte Personen verschwinden allmählich, andere tauchen auf. Manche werden häufiger, andere seltener notiert. Die formal sehr konzeptuelle Arbeit wirft eine Reihe von Fragen auf, macht etwa deutlich, und das auf eine sehr unscheinbare Weise, wie sich im Laufe der Zeit unser Beziehungsgefüge ändert. Eine subtile Arbeit zum Thema Zeit und Zeiterfahrung. Auch stellt sie die Frage nach unserem Verhältnis zu den Toten, genaugenommen zum Tod. Obwohl das Projekt nicht im Sinne religiöser Praktik zu verstehen ist, so drängt sich für jemand, der katholisch sozialisiert ist, das tägliche Gebet für Lebende und Tote auf. Nicht zuletzt ist auf der rein formalen, visuellen Ebene anzunehmen, dass sich die beiden Kolonnen im Laufe weiterer Jahre quantitativ verändern werden: die Kolonne der Verstorbenen wird länger, diejenigen der Lebenden (sehr wahrscheinlich) kürzer.

Die Ausstellung "ZYKLISCH - LINEAR" versteht sich als Fußnotenapparat zu Franz Dodels Projekt "I'm not alone". Die Fußnoten beziehen sich dabei nicht auf die genannten Personen, sondern auf Bilder, die sich mit Franz Dodels täglichem Denken assoziieren lassen. Als Einstiegshilfe seien folgende Überlegungen vorangestellt: Die katholische Kirche erlebt (wie andere Glaubensgemeinschaften in westlichen Gesellschaften) einen dramatischen Mitgliederschwund. Kirchenaustritte werden zumeist mit kircheninternen Skandalen in Verbindung gebracht, in letzter Zeit etwa mit Missbrauchsvorwürfen wie dem Umgang der Amtskirche damit. Tatsächlich sind die Ursachen an anderer Stelle zu suchen, nicht zuletzt im Umstand, dass die zentralen Mythologien christlichen Glaubens, die im Abendmahl, der Kreuzigung und Auferstehung ihre Verdichtung finden, für viele Menschen nicht mehr verständlich sind. Dem modernen Menschen ist das Wissen um Vegetationszyklen etc. abhanden gekommen. Natur lässt sich weitgehend beherrschen, Jahreszeiten lassen sich simulieren (Kunstschnee, Treibhäuser etc.). An die Stelle zyklischer sind lineare Vorstellungen getreten, der Glaube an ein kontinuierliches Wirtschaftswachstum, an die technische Beherrschbarkeit nahezu aller Probleme, wenn nicht heute, so doch in absehbarer Zeit. Gleichzeitig ist nicht zu übersehen, dass auch Vorstellungen des modernen Menschen zahllose zyklische Motive kennen (man denke an Börsen- und Wetterberichte, an die Konjunktur von Garten- und Pflanzenbüchern, an Mondkalender, an Sportarten, die in der Tradition archaischer Opfer zu stehen scheinen etc.).

Mehr als eine Milliarde Menschen sollen die Rettung der Bergleute in der chilenischen Atacama-Wüste verfolgt haben. Das mediale Echo wäre undenkbar ohne archaische Bilder, die sich hier latent anboten und die insbesondere in Internetblogs offensichtlich wurden. Bei lebendigem Leib begraben, die Hoffnung auf Befreiung, die Euphorie einer gelungenen Rettung: all dies kam einer Auferstehung gleich, mochte sich diese auch technischer Mittel verdanken. Einer der Geretteten: "Da unten waren Gott und der Teufel. Gewonnen hat Gott." Licht und Dunkelheit, Gott und Teufel, Technik und Natur. 33 verschüttete Grubenarbeiter. Die Zahl wurde vielfach "gedeutet", nicht zufällig auch damit in Verbindung gebracht, dass Tod und Auferstehung in Jesus' 33igstes Lebensjahr fallen. Die Rettungskapsel trug nicht zufällig den Namen "Phoenix", wurde also nach jenem mythischen Vogel benannt, der verbrennt, um aus seiner Asche wieder neu zu erstehen. Mögen sich in Medienberichten oder auch in der Werbung viele solcher Vorstellungen finden, so ist doch nicht zu übersehen, dass wir es mit Bildern zu tun haben, die nur ein Diesseits kennen, d.h. also, die Auferstehung muss also bereits zu Lebzeiten erfolgen.

Titel und Objekte: 1 Franz Dodel: "I'm not alone": Buchserie mit den gesamten vom Autor in den Jahren 1999 bis 2010 notierten Namen 2 Die Welterneuerung der Marind-anim: Kopfjägerpfeil aus dem Hochland von Papua Neu Guinea 3 Hula Hoo: Hula Hoop 4 Jodoks Drahtreifen: Serie mit gerahmten Drahtreifen 5 Das Herz des Geliebten essen: Herz, Feuchtpräparat 6 Tod eines Philosophen: ein Messer aus Gold 7 Brautkranz: Brautkranz 8 Uroboros: ledergebundenes Notizbuch aus dem 18. Jahrhundert mit aufgedrucktem Uroboros, Goldprägung 9 Isis und Osiris: Kopie einer Darstellung im Isistempel von Philae 10 Der Raub der Persephone: großformatige Fotografie, die ein aufgebahrtes Mädchen zeigt; 1930er Jahre 11 Höhlen und Dächer: Adonisgärtchen, die Pflanzen bereits welk 12 Die Haut einer Prinzessin: Abbildung aus dem "Codex Florentino", um 1570 13 Die Kreiskönigin: Mariendarstellung, in der Maria von einem Rosenkranz gerahmt ist, den zwei Engel halten, von denen der eine einen Blütenkranz, der andere einen Dornenkranz hält. Maria trägt eine Krone, der Heiligenschein ist mir Sternen besetzt; 19. Jahrhundert 14 Zyklische Welterklärung: Tibetanisches Mandala, erste Hälfte des 20. Jahrhunderts 15 Zyklus im Einklang mit den Bewegungen des Mondes: Kopie einer Darstellung der Phasen des Mondes: 18. Jahrhundert 16 Das Kirchenjahr: chinesische Scherenschnitte zum Neujahrsfest, 20. Jahrhundert 17 Kannibalen: Kopie einer Abbildung aus Theodor de Bry, Historia Americae, Frankfurt 1634 18 Schweineschlachten: großformatige Farbfotografie aus den 1950er Jahren 19 Verspeisen des Korngottes: Figur aus einem Maisteig 20 Muschelgeld: Muschelgeld von den Trobriand-Inseln 21 Potlatsch: Kopie einer historischen Abbildung eines Kwakiutl-Dorfes 22 Von zyklischer Architektur zur Garagisierung des Menschen: Kopie einer Abbildung aus Theodor de Bry, Historia Americae, Frankfurt 1634 23 Wider die Moderne: Abbildung aus Otto Bitschnau, Christliche Standes-Unterweisungen, Stuttgart 1904 24 Vom Winteraustreiben zur Konsumgesellschaft: Faschingsumzug um 1960. Ostschweiz 25 Orgien Mysterien Theater: Fotoserie 26 Vom Rundtanz zum Loop: Kreispartituren von Wilfried Krüger, Terry Riley und Hermann Markus Preßl 27 Das Brot des Leben: ungeweihte Hostie auf Patene 28 Bittprozessionen: Litaney zur Zeit deß Ungewitters. Der grosse Baum-Garten In grossem Truck. P. Martini Capucini von Cochem. Der Rheinischen Provinz Predigern. Mit einem trostreichen Krancken-Buch vermehrt. Einsidlen 1622 29 Eisen aus Blut: Ring 30 Selbstkreuzigung: Abbildung, die Matteo Lovat nach seiner Selbstkreuzigung an einer Hauswand hängend zeigt; 19. Jahrhundert 31 Kreislauf der Natur: Abbildung aus: Oskar Hoffmann u.a., Universum des Himmels und der Erde, Dresden-Radebeul u. Leipzig, o.J. 32 Recycling: Aus Abfallstoffen gefertigtes Gewebe 33 Kreistanz: Kopie einer Abbildung aus Theodor de Bry, Historia Americae, Frankfurt 1634 34 Die Stopfmaschine des Odile Martin: Abbildung aus Alfred Schubert, Die Geflügelställe, ihre bauliche und innere Einrichtung, Berlin 1890 35 Kreisverkehr: Fotografie eines Kreisverkehrs 36 Brot aus Menschendung: Automatische Weizenmühle. Abbildung aus Buch der Erfindungen, Band IV, Landwirtschaft und landwirtschaftliche Gewerbe und Industrien, Leipzig 1897 37 Schweinezyklus: Blick in einen Schweinemastbetrieb; Fotografie 38 Perpetuum mobile: Skizzen von Paul Scheerbart 40 Die Körper der Toten: Fotografie von Bronislaw Malinowski, einen jungen Mann mit seiner toten Frau zeigend; Trobriand-Inseln 1918 41 Reste des Mahls: Schachtel mit gebleichten Lammknochen 42 Entwertung von Dingen: Plachenzinken 43 Börsenberichte: ATX vom 21 Februar 2011 44 Geldscheine: Geldscheine mit religiösen Motiven 45 Gott Vater, ein Engel und ein Höschen: Abbildungs aus dem Sisley-Katalog 2002 46 Lebenserwartung: Sterbebildchen, erste Hälfte des 20. Jahrhunderts 47 Wirtschaftswachstum: Serie von Festplatten aus den letzten zwanzig Jahren 48 Kannibalistische Transformation: Feuerland-Indianer mit Trauerbemalung. Fotos von Martin Gusinde 49 Möbiusband: Aus Todesanzeigen gefertigte Möbiusschleife 50 Das DKT-Spiel: verschiedene Spielfiguren mit Spielzeuggeld eines DKT-Spieles aus dem Jahr 1944.

Auf jeden Fall eignet sich Franz Dodels Projekt "I'm not alone" nicht für eine Lesung im üblichen Sinn. Wir haben lange nach einer möglichen Umsetzung wie auch einem entsprechenden Ort gesucht. Wir entschieden uns letztlich für die neu renovierte Pfarrkirche in Götzis, deren Architektur mit ihren horizontalen und vertikalen Achsen den Intentionen des Autors sehr entgegenkam. Es hätte wenig Sinn gemacht, hätte Franz Dodel eine Stunde lang Namen aus "I'm not alone" vorgelesen. Deshalb haben wir zwölf Besucher in die Lesung eingebunden. Proben im eigentlichen Sinn waren nicht nötig. Erklärt wurde nur die Sprechgeschwindigkeit. Das Lesen der Namen sollte mit einem "Denken an " verbunden sein, wodurch sich automatisch ein Innehalten, also nach jedem Namen eine kurze Pause ergab. Die Lesenden konnten sich ihren Platz im Kirchenschiff frei wählen. Festgelegt war die Reihenfolge, so dass sich folgende Überlagerungen ergaben:

a
a - b
a - b - c
a - b - c - d
a - b - c - d - e .n
a - b - c - d
a - b - c
a - b
a

Es versteht sich von selbst, dass im Mittelteil nur Namen verständlich zu hören waren, die im näheren Umfeld gesprochen wurden. Um das Ausklingen der Polyphonie zu strukturieren, nahm ich nach etwa vierzig Minuten in Abständen von dreißig Sekunden eine Stimme nach der anderen heraus, bis schließlich nur Franz Dodel und zwei Personen mit ausgebildeter Stimme zu hören waren. Es war sehr beeindruckend, als sich plötzlich, ohne dass dies vorab eingeübt worden wäre, ein sehr dichtes Wechselspiel zwischen diesen drei Stimmen ergab. Schließlich blieben noch zwei Stimmen, die einer Sopranistin und die von Franz Dodel. Der Zufall wollte es, dass sie am Ende der Kirchenbänke, Franz Dodel dagegen vorne stand. Nun entfaltete sich die Lesung zu einer wahren Zwiesprache, bis schließlich, als ich auch ihr noch das Manuskript wegnahm, nur noch Franz Dodel zu hören war.
Die Ausstellung war 31 Tage ganztägig zugänglich. Sicher werden sich nicht wenige Besucher - sei es der Lesung oder der Ausstellung - mit Franz Dodels Arbeit ganz allgemein beschäftigen, auf jeden Fall deutlich mehr als dies bei einer üblichen Lesung der Fall wäre. Franz Dodel nachträglich: "Meine Erinnerung, die natürlich auch und vor allem den Abend in Götzis einschliesst, ist von ungetrübter Leuchtkraft: ein Ereignen, das Wärme und Kraft ausstrahlt und uns verbindet: WIR SIND NICHT ALLEIN. (Eigenartig, dass die Wissenschaft diese Art von nachhaltiger Energie nicht in analoger Weise nutzbar zu machen versteht! Das Hindernis ist wahrscheinlich das Wort "nutzbar", das ihr im Weg steht!)."

Bernhard Kathan
August 2011