Kühe als Leihmütter


Jeanette Schulz
Jeanette Schulz


Die Möglichkeit, Embryonen besonders leistungsfähiger Kühe auf andere Kühe zu übertragen und von diesen austragen zu lassen, hat einen Beschleunigungsschub in der Zucht bewirkt, kann doch so eine einzelne Kuh wesentlich mehr Nachwuchs haben, als dies je zuvor der Fall war. Durch Biotechnologie und Reproduktionsmedizin eröffnen sich völlig neue Nutzungen des Rindes. Schon heute wird an Hybrid-Embryonen mit menschlichem Erbgut und Eizellen von Kühen gearbeitet. Die Stammzellenforschung erhofft sich dadurch Behandlungsmöglichkeiten von zahlreichen Krankheiten. Vermutlich wird die Milch genetisch veränderter Rinder künftig in der pharmazeutischen Industrie von Bedeutung sein. Es sind transgene Kühe denkbar, die in Zukunft den menschlichen Nachwuchs austragen, vielleicht im Alpenraum, bei reichlicher Bewegung und gesunder Luft. Bereits vor hundert Jahren dachten Biologen, Retorten würden in absehbarer Zeit die Frau von der Last der Schwangerschaft und den Schmerzen der Geburt befreien. Retortenbabys wird es noch lange nicht geben. Einfacher ist es, Rinder mit Hilfe der Gentechnik entsprechend umzubauen.

O-Ton Yo: In den Rinderbetrieben des Unternehmens soll es eine eigene Forschungsabteilung geben, die sich mit den Möglichkeiten beschäftigt, Kühe als Austragemütter menschlicher Embryonen zu nutzen. Transgene Geschöpfe. Bei Rindern wurden erstmals Embryonen mit Erfolg von einer Kuh auf eine andere übertragen. Später wurde in Eizellen von Rindern menschliches Erbmaterial eingebracht. Das biotechnische Verfahren ist bereits weit fortgeschritten. Bislang soll noch kein einziges Kind von einer Kuh ausgetragen worden sein. Auch bei einem komplikationslosen Schwangerschaftsverlauf wird spätestens im achten Monat ein Abort eingeleitet. Soll das schrecklich sein? Es ist nur eine Frage der Betrachtung. Ich wäre lieber im Bauch einer Kuh herangereift, als in dem einer Frau, die mir nie wirklich Mutter war. Da wäre mir jede Kuh lieber. Ich stelle mir so eine Rinderleibeshöhle weniger beengt vor. Denken Sie allein an den Geburtskanal. Da gäbe es kein Durchzwängen durch allzu enge Beckenknochen. Solche Säuglinge kämen ohne blaue Flecken zur Welt. Eine Geburt wäre so etwas wie ein in die Welt Flutschen, vorausgesetzt, Hände stünden bereit, uns aufzufangen. In einem Kuhbauch zur Wahrnehmungsfähigkeit zu gelangen, das wäre doch eine sehr schöne Sache. Es wäre ein richtiges Schaukeln auf einem großen Haufen warmer Gedärme. Durch die Magen- und Darmtätigkeit würde man gleichsam ins Bewusstsein massiert. Und dann die großartige Geräuschwelt in einem Kuhinneren! Ein stetes Gurgeln und Plätschern. Natürlich denke ich dabei nicht an Kühe in computergesteuerten Ställen, nicht an das metallische Geklapper von Selektionstoren, nicht an Kühe, denen Futter verabreicht wird, welches für den komplexen Rindermagen nur eine Beleidigung sein kann und andauernden Durchfall zur Folge hat. Auch nicht an Kühe, die in ihrem eigenen Kot traurig ihre Runden drehen. Nicht an eine aseptische Rinderwelt mit gekachelten Wänden und Desinfektionswannen. Kühe als Austragemütter sollten sich frei im Gelände bewegen, auch bei Regen und Kälte, sie sollten sich ihre Nahrung selbst in offenen Buschlandschaften suchen. Sie sollen sich an Gebüsch reiben können, werden sie von Dasselfliegen geplagt, all das auch auf die Gefahr hin, dass sie die eine oder andere Frucht verwerfen, so nannte man das einmal, oder Neugeborene, die als Nesthocker auf menschliche Hände, Decken und anderes angewiesen sind, umkommen wie verlegte Eier. Was für eine schöne Vorstellung, von so einer Mutterkuh nach der Geburt trockengeleckt, also von oben bis unten bezeichnet zu werden: Da bist du ja, meine Kleine. Vergiss meine Schmerzen nicht.

Konzept und Text: Bernhard Kathan
Graphik: Jeanette Schulz